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Hinter dem Horizont


Text/Abbildungen:
Jonathan Püttmann
Geschrieben: Oktober 2019
Hochgeladen: 05.02.2020
Länge: 13294 Wörter
Genre: Märchen

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Seite 3
A101

Wir, hinter dem Horizont


Der Weise
Orientierungslos in der Zeit

Sie sitzen gemeinsam am Strand. Wo man die heißesten Sommertage eben am liebsten verbringt. Am Horizont liegen Himmel und Meeresspiegel aufeinander, eine irgendwie unangebrachte Intimität. Ganz im Gegenteil die Nähe zwischen ihm und seiner Frau. Ihre Beine hat sie in den warmen, weißen Sand gestreckt und lässt die Körner nach und nach zwischen ihren Zehen hindurch rieseln. Ein perfekter Urlaubstag liegt hinter und eine ganze, wunderbare Woche noch vor ihnen, glaubt er zumindest. Er hofft es. Seine Frau dreht sich zu ihm. Gesicht und Oberkörper sind braun gebrannt, lediglich die Träger ihres Kleides haben einen hellen Streifen über ihre beiden Schultern und um ihren Nacken gebildet. Er sagt ihr, wie schön sie ist. Sie lacht, zwinkert ihm zu. Er möchte sie küssen. Warum küssen sie sich nicht? Er erschrickt. Hat er eben seine Schwester für seine Lebensgefährtin gehalten? Vom Meer weht ein dichter Nebel über den Strand. Er ruft den Namen seiner Schwester, verliert sie aus den Augen. Sie haben so friedlich am Strand gesessen. Vor über 40 Jahren. Nun lässt der Nebel nicht mehr von ihm ab. Er hat Angst. Nacht für Nacht holt sich der Nebel eine weitere Erinnerung, wie ein listiger Fuchs schafft er es immer wieder, bei ihm einzubrechen und ein weiteres Stück Vergangenheit zu stehlen. Er kann nichts dagegen tun. Zwei Tabletten am Morgen, zwei zu Mittag, drei abends. Anfangs hat er noch Besuch gekriegt, wie es momentan aussieht, weiß er nicht. Heute jedenfalls ist noch niemand bei ihm gewesen, glaubt er. Der Glaube hat eine unvorhersehbare Qualität in seinem Leben gewonnen. Die Pfleger und Ärzte können ihm alles erzählen, er muss es ihnen glauben. Mit Vertrauen hat das wenig zu tun. Niemand spricht es je aus. Ein merkwürdiges Tabu an einem Ort wie diesem. Wo sich die Betroffenen sowieso am nächsten Tag an nichts mehr erinnern. Er wüsste, hätte es jemand zu ihm gesagt, denn er führt Tagebuch, seitdem die Krankheit ausgebrochen ist. Doch die Blicke und die Tuschelei genügen, dass er es versteht. Er ist vielleicht alt, aber weder blöd noch blind. Umso schlimmer, von allen als jemand hingestellt zu werden, der er nicht ist. Er ist entmündigt. Es ist eine Frage der Zeit, bis es ihm schwarz auf weiß in einem makellosen, unverschlossenen Briefkuvert vorgelegt wird. Davor hat er Angst. Genauso wie er davor Angst hat, das eingerahmte Foto in der obersten Schublade seines Schränkchens anzusehen. Darauf zu sehen ist er und seine Frau. Steht auf der Rückseite. Sie ist vor etwas mehr als einem Jahr gestorben. Das steht in seinem Tagebuch. Gleich auf der ersten Seite, mit Ausrufezeichen und fett schwarz umrandet: „Deine Frau ist tot!“ Damit er ja nichts sagt, was seinem Besuch peinlich sein könnte. Falls er überhaupt noch welchen kriegt. Das Schreiben fällt ihm täglich schwerer. Auch wenn alle sagen, dass es nicht schlimm ist, wenn er Fehler in Rechtschreibung und Grammatik macht. Es ist entwürdigend. Aus diesem Grund hat er die Tabletten besorgt. An deren Platz im Regal kann er sich ironischerweise blendend erinnern. Seine Frau hätte welche gebraucht und hat keine gekriegt, steht in seinem Tagebuch. Mit dem Lesen klappt es noch ganz gut. Zur richtigen Seite zu blättern ist mühselig. Daher liebt er auch so diese Zeitungen, die es bereits zu seiner Zeit in gleicher Weise gab, natürlich mit anderen Inhalten. Komplett auseinandergefaltet legt er sie auf sein Bett, setzt sich daneben und bekommt für Stunden seinen Kopf nicht mehr hoch. Später würde er das Papier am liebsten laut schreiend zerreißen. Das ist nicht seine Welt, die da beschrieben wird. Seine Welt, das sind vier weiße Wände, zwei weichgekochte Mahlzeiten am Tag und der dichte weiße Nebel, der Nacht für Nacht in seinem Kopf auf Raubzug geht. Soll so sein Ende aussehen? Hat er es verdient, in diesem Zustand zu sterben? Kann es nicht eine Alternative geben? Eine Alternative ohne weiße Kügelchen, deren Name er nicht einmal auf der Packung wird entziffern können.

Ohne Klopfen wird die Tür aufgerissen, ein Pfleger wirft die heutige Zeitung auf den Tisch und kündigt an, dass er gleich zurückkommen wird, um ihn zu duschen. Im nächsten Moment ist er wieder draußen, die Tür lässt er offen stehen. Er geht zum Fenster. Verschlossen. Wenn er sich nicht irrt, hat das auch seinen Grund. Hat er heute morgen nicht darüber in seinem Tagebuch gelesen? Immer häufiger lässt ihm der Nebel nicht einmal die Erinnerung an die letzten Tage und Stunden. So lässt er sich in der Zeit treiben. Seine Finger fassen das Papier auf dem Schreibtisch, dessen Knistern in seinen Ohren eine ganz spezifische Harmonie besitzt. Lockend flüstert es ihm zu: „Eins, zwei, drei, acht Zimmer sind noch frei. Vier, fünf, sechs, die Angst ist ein Reflex. Sieben, acht, neun, du darfst den Sprung nicht scheu’n. Wirst du jetzt nicht ehrlich sein, im traurig kahlen Kämmerlein, wirst du es lebenslang bereu’n.“

Jeden Moment wird der Pfleger zurückkommen. Keine goldenen Aussichten, da blitzt im Türrahmen ein alternativer Weg auf. „Was fällt dir ein, mich so lange warten zu lassen.“, sagt er in Gedanken, mit einem Schmunzeln auf den Lippen. Auf dieser Seite des Horizonts hat er schon viel zu lange verbracht. Dank des Nebels weiß er nicht einmal, ob er jemandem einen Brief hinterlassen soll oder er irgendetwas aus diesem Leben vermissen wird.

Hinter dem Horizont gibt es keinen Nebel. Seine Physiotherapeuten würden staunen, wie schnell ihn plötzlich seine Beine aus der Tür tragen. Sie gehen Schritt um Schritt und machen erst Halt, als er vor dem Eingang eines zweistöckigen Blockhauses, umgeben von unberührter Natur, wieder zu sich kommt. Er muss nicht fragen, ob er hier richtig sei, der herzliche Blick des jungen Mannes, der sich ihm als Naci vorstellt, verrät alles.

„Hallo Naci, schön dich kennenzulernen. Ich bin Quinn; habe gehört, hier ist noch ein Zimmer frei.“ Sie geben sich die Hand.

„Ja, tatsächlich, wir freuen uns, dass du hier bist. Aaina ist hinten an der Quelle, aber sie wird auch gleich hereinkommen. Ich zeige dir in der Zwischenzeit dein Zimmer.“

Ohne auf eine Antwort zu warten macht er kehrt und führt ihn ins Innere des stattlichen Gebäudes. Trotz aller Ordnung der Einrichtung und stilvoller Ornamente an den Möbeln wirkt die glatte Marmortreppe mit den spiegelnden Stufen als einzig fest verbautes Element, welches nicht aus Holz besteht, deplatziert. Er wäre natürlich der letzte, der sich darüber beschweren würde. Wer sich hier wohl in seiner Kreativität ausgetobt hat? In dem kleinen schlichten Ein-Bett-Zimmer mit den geschmackvollen Gardinen und der unaufdringlichen Tischdekoration – selbstverständlich aus Naturmaterialien, kein Kunststoff – fühlt er sich umgehend heimisch. Von dem großen Fenster aus blickt man auf den kleinen Garten hinter dem Haus und den dahinterliegenden schmalen Bachlauf, welcher vermutlich aus besagter Quelle entspringt.

„Wer hat denn diese hübschen Vergissmeinnicht vor mein Fenster gepflanzt? Haben das alle Fenster?“, erkundigt er sich. Naci zuckt mit den Schultern und schüttelt den Kopf. Draußen läuft ein Mädchen mit langen blonden Haaren und einem weißen Kleid barfuß durch das kniehoch verwilderte Gras. Kurz darauf ist unten eine Tür zu hören. Es gibt Abendessen. Obwohl er keinen Hunger hat, geht er mit nach unten und begrüßt Aaina, die sich bei näherer Betrachtung als heranwachsende Jugendliche entpuppt. Zwar noch immer deutlich jünger als Naci und ihre schmale Gestalt lässt schwer etwas frauliches an ihr ausmachen, doch in ihren kleinen blauen Augen liest er, dass sie längst alles kindliche von ihrer Persönlichkeit abgestreift hat und man ihr Unrecht täte, sich bloß an ihrem Äußeren zu orientieren. Er würde wetten, dass sie kaum länger hier ist als er, denn wenn es das, was Naci nun hereinträgt, jeden Tag zu essen gibt, wird er bald auf einen Gürtel verzichten können.



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