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Kurzprosa


Autor: Jonathan Püttmann
Bilder: Jonathan Püttmann
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Textart: Sachtext
Kategorie: Literatur
Länge: Wörter
Seite 1
A200

Kurzgeschichten und Co.


Meistens beginnt es mit einem Wort. Alltäglich oder phänomenal kann es sein. Beim Durchzug von einem Ohr zum anderen ist es hängen geblieben und hält sich hartnäckig fest. Es kann guttun wie Dopamin oder schmerzen wie Liebeskummer. Es stört das Gleichgewicht im mentalen Filtersystem. Wie ein Ohrwurm frisst es sich durch das Gedächtnis und umgeht sämtliche Schutzmechanismen. Doch das Bewusstsein ist kein ausnahmslos freundlicher Nährboden für neue Gedanken. Nur die stärksten finden genügend Nahrung und überleben. Und erst wenn der Punkt überschritten ist, da 90% aller Ideen abgestorben sind, lohnt es sich, sich mit den übrigen konstruktiv auseinanderzusetzen. Manchmal dauert es mehrere Wochen, bis ein Gedanke so ausgereift ist, dass er sich mit wenigen Wörtern beschreiben lässt. Zu diesem Zeitpunkt existieren in der Regel noch keine Figuren, höchstens abstrakte Charaktere. Auch der Ort steht noch nicht fest. Dafür nimmt bereits der Ausgang der Geschichte Gestalt an. Welche Emotionen sollen vermittelt werden, wie soll generell die Atmosphäre aufgebaut werden. Aus dem anfänglichen Gedanken wird langsam ein vages Bild in Farbe. Später folgen Tageszeiten und Festlegung der Erzählgeschwindigkeit.

Die nächste Phase ist am spannendsten. Die Hauptfiguren nehmen langsam Gestalt an, es werden Geschlechter zugewiesen und wesentliche Charakterzüge vergeben. Wie stehen die Figuren zueinander, wie alt sind sie? Wer wird die Geschichte überleben und wer nicht? Aus welcher Motivation handeln die Charaktere? Spätestens zu diesem Zeitpunkt werden die ersten Notizen angefertigt, weil die Menge an Informationen explodiert. Vieles wird später wieder verworfen, andere Ideen ziehen sich durch den gesamten Schreibprozess und werden erst zuletzt eingebaut. Die Rahmenhandlung steht längst fest, doch was noch fehlt sind die entscheidenden Details zu Spannungsaufbau, Auflösung, Einführung und Ende. Diese entstehen spontan und gehören zu den ersten Textstellen, die ausführlich niedergeschrieben werden. Wegen ihrer Fragilität ist die Situation des Aufschriebs sehr wichtig. Stimmt die Atmosphäre nicht oder wird mitten in der Szene abgebrochen, muss häufig die ganze Seite verworfen werden. Stimmen dagegen die Bedingungen perfekt, kann in der Regel die komplette Szene unverändert ins Endresultat einfließen.

Anmerkungen:

keine