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Über die Alpen


Autor: Jonathan Püttmann
Bilder: Niklas Spiller
Hochgeladen: 19.12.2020
Textart: Bericht
Kategorie: Reisen
Länge: 17314 Wörter

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Alpenüberquerung 2016


Geröllfeld

Als Jugendlicher kommt man irgendwann an den Punkt, ab dem man nicht mehr zusammen mit den Eltern in den Urlaub fahren möchte. Dann hat man die Wahl, den ganzen Sommer zuhause herumzusitzen oder sich mit anderen Jugendlichen zusammenzuschließen und eigenständig etwas zu organi­sieren. Eine besondere Möglichkeit bieten Jugend­reisen mit einem vordefinierten Ziel, die man übers Internet bucht, ohne von irgendwas nen Plan zu haben. Der Vorteil ist, dass die Eltern ihre Verantwortung guten Gewissens an ausgebildete, volljährige Betreuer abgeben können. Das Risiko trägt natürlich in erster Linie der Jugendliche. Deshalb war ich lange Zeit einer Jugendreise abgeneigt und wollte lieber zuhause bleiben. Natürlich war auch ich auf Klassenfahrten, im Pfingstzeltlager und auf mehrtägigen Fahrten mit diversen Vereinen. Doch dort habe ich im Vorhinein viele Leute gekannt und war mit den Organisationen vertraut. Bei einem Reiseveranstalter wie FFA meldet man sich an, ohne Informationen über die Betreuer oder Gruppenmitglieder zu besitzen. Nach wie vor bin ich der Meinung, dass man dabei auch ziemlich auf die Schnauze fliegen kann, besonders wenn man den Veranstalter nicht kennt. Ich habe mich 2016 für die Alpenüberquerung für Fortgeschrittene von FFA entschieden und hätte wohl mehr Glück nicht haben können. Man sollte bei Abenteuerreisen mit einberechnen, dass Ausrüstung wie Schlafsack, Rucksack etc. genauso viel kosten können wie die Reise selbst. Im Gegenzug glaube ich, stehen die Chancen gut, dass man in eine motivierte Gruppe kommt und die Betreuer selbst aus Spaß am Wandern/Zelten dabei sind.

Damals bin ich allein mit meinem riesigen Rucksack am Münchener Hauptbahnhof angereist und kam mir ziemlich blöde vor. Schon vorher im Zug ist mir aufgefallen, dass mein 60 Liter Rucksack nicht in die Gepäckablage passt. Außerdem stößt man ständig irgendwo an oder bleibt in den Türen hängen, weil der Rucksack sowohl in der Höhe als auch in der Breite den eigenen Körper überragt. Deshalb war ich ziemlich erleichtert, am Bahnsteig schnell auf meine Gruppe zu treffen, deren Mitglieder ich in diesem Moment das erste Mal in meinem Leben sah. Ich habe mit vielem gerechnet: anstrengenden Wanderungen, lustigen Gruppenspielen, schlechtem Essen – wie man es eben kennt. Doch ich hätte niemals gedacht, dass mir diese 12 Tage so eindrücklich im Gedächtnis bleiben würden. Der folgende Bericht ist in der Zeitspanne von den vier Jahren nach der Reise entstanden, deshalb fehlen besonders gegen Ende ein paar Details. Andererseits bin ich selbst überrascht, an was ich mich alles noch erinnern kann. Natürlich haben wir dabei auch die tollen Fotos von Niklas, Paul und Lena geholfen, die den Verlauf insgesamt sehr gut eingefangen haben. Niklas war außerdem so nett, mir seine Bilder für meine Webseite zur Verfügung zu stellen.

Aufgebrochen sind wir letztendlich in Mittenwald an der deutsch-österreichischen Grenze. In zehn Wandertagen sind wir insgesamt 124 Kilometer bis nach Brixen in Italien gelaufen und haben dabei zusammengerechnet über 6000 Höhenmeter überwunden. Auf der Karte ist unser Weg noch ungefähr nachzuverfolgen. Dabei schneidet sich unsere Route mehrfach mit dem bekannten Wanderweg von München nach Venedig. Ich kann jedem Wanderfreund nur empfehlen, bei der ein oder anderen Hütte mal vorbeizuschauen. Die Landschaft ist zwar nicht ganz so spektakulär wie in den Dolomiten, aber dafür hat Österreich seinen eigenen Charme mit weiten Almwiesen, Flusstälern und einsamen Berghängen. Aber lest selbst.

Anreise nach Scharnitz

Strecke: 6,7km; Höhenmeter: nicht gemessen

Beide Betreuer waren mir auf Anhieb sympathisch. Josua mit seinem grauen Filzhut und Réka mit einem starken ungarischen Akzent, mit dem sie alle in fröhliche Aufbruchstimmung versetzte. Endlich vollzählig stiegen wir wieder in einen Zug, weiter Richtung Süden und es wurde auch gleich bergiger. Wir hatten unser eigenes Abteil, ich teilte mir mit Brixius, Julian und Felix einen Vierersitz. Julian und Felix kannten sich schon von früheren Freizeiten, beide 15 Jahre alt, Brixius war schon 18 und extra heute morgen aus Berlin hierher geflogen. Réka teilte ein Kennenlern-Bingo aus, bei dem man andere nach ihrer Familie und ihren Interessen befragen musste. So lernte ich auch ein paar andere aus der Gruppe kennen, Lena zum Beispiel, 18, und Paul, die beiden waren von Anfang an unzertrennlich. Dazu kamen noch der 15-jährige Leon, der deutlich jünger aussah, aber die erste Klasse übersprungen hatte, und Louis und Xavier, beide aus Frankreich. In Mittenwald stiegen wir aus, holten das letzte verbliebe Gruppenmitglied Rebecca ab, dann liefen wir los nach Scharnitz. Sieben Kilometer ohne nennenswerte Höhenmeter. Es war sehr warm und ich sah bei den anderen, dass sie es mit ihren langen Wanderstöcken etwas einfacher hatten. Als ich schon auf der Hälfte des Weges ins Schwitzen kam, wurde ich unsicher. Hatte ich mir vielleicht zu viel vorgenommen? Lange Strecken und Gelände war ich gewohnt, ganz im Gegensatz zu dem riesigen Rucksack, in den alle Sachen für die gesamte Reise passen mussten. Von der Reiseorganisation FFA war empfohlen worden, den Rucksack etwa zu drei Vierteln zu füllen, angemessen wäre ein Gewicht zwischen 10 und 13kg. Mein Rucksack war bis oben prall gefüllt und wog stolze 15kg. Mit daran schuld war mein extra langer Schlafsack, der das komplette untere Fach des Rucksacks füllte. Alle wichtigen Dokumente hatte ich außerdem einmal kopiert und mit dem Erste-Hilfe-Set wasserdicht verpackt. Erste gemeinsame Mahlzeit

In Scharnitz angekommen machten wir es uns auf der Terrasse einer großen, zum Wohnhaus umgebauten Scheune bequem. Hier lernte ich auch den zweiten Felix, 17 so wie ich, kennen sowie Sven, die sich intensiv über die Funktionsweise und Einsatzmöglichkeiten von Wasserstoffbomben unter­hielten. Christian, 18, saß daneben und lachte über die offensichtlich sinnlose Debatte. Zum Abendessen gab es Nudeln mit einer undefinierbaren Soße mit Ei, wobei die „Köche“ vergessen hatten, welches rein zu tun, was aber auch egal war, weil am Schluss eh alles nur noch angebrannt geschmeckt hat.

Als es dann langsam kalt wurde kam die Frage auf nach dem heutigen Schlafplatz. Einige wollten drinnen schlafen, manche draußen auf der Wiese. Besonders Felix und Julian waren für die Wiese, sie hatten schon oft unter freiem Himmel geschlafen und schienen auch dafür gut ausgerüstet zu sein.

Nachdem Felix und Julian eine halbe Stunde lang vergeblich versucht hatten, aus ihren Ponchos und Wanderstöcken ein Zelt aufzustellen, rückte Josua damit heraus, dass er zwei 5x5 Meter große Planen dabei hatte, sowie genügend Spannschnüre. So entstand nach und nach ein ziemlich stabiles Zelt, zwar nur etwa 80cm hoch, aber dennoch gerade so gemütlich genug, dass sich die Mehrheit der Gruppe dazu entschloss, draußen zu übernachten. Der ein oder andere bereute das kurze Zeit später, denn es wurde kalt, sehr kalt, und nass. Als Unterlage auf dem nassen Gras verwendete ich meinen Poncho, darauf legte ich die Isomatte. In Pullover, Jeans und Socken kroch ich in meinen Schlafsack, darüber zog ich den Biwaksack. Und ich schlief glücklich und zufrieden ein.



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