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Musik


Text/Abbildungen:
Jonathan Püttmann
Hochgeladen: 01.05.2021
Länge: 766 Wörter
Textart: Bericht
Thema: Kunst

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Musik


Der Knall einer Tür, das Ticken einer Uhr, die Schläge des eigenen Herzens. Geräusche sind in unserem Alltag sehr schnell ihrem Ursprung zuzuordnen und dienen uns damit als Orientierung. Musik nehmen wir dagegen ohne den zugehörigen Schall wahr. Wir fühlen sie als Rhythmus, als Landschaft oder als Botschaft. Babys reagieren noch vor der Geburt positiv auf Musik und wie Benjamin Piwko eindrucksvoll zeigte, können auch gehörlose Menschen tanzen lernen. Beides wäre undenkbar, würde es beim Verständnis von Musik nur um Akustik gehen. Die ersten Musikinstrumente wie Harfe, Leier und Flöte wurden bereits vor mehreren Zehntausend Jahren gebaut. Und dennoch kann niemand genau sagen, was die lange Beziehung des Menschen zur Musik am Leben gehalten hat. In den Augen unserer Haustiere müssen wir verrückt sein, dass wir uns freiwillig diesem Lärm hingeben. Und auch nicht jeder Mensch mag dieselbe Musik. Es scheint, als sei das Empfinden von Musik etwas sehr Intimes. So kann sie Menschen nicht nur verbinden, sondern auch individuell verschiedenste Gefühle hervorrufen und sich als Ohrwurm tagelang in unseren Köpfen festsetzen. Sprechen wir über Musik, geht es häufig um die Komponisten oder Interpreten. Insbesondere bei gesungenen Texten bieten die Persönlichkeit des Künstlers und seine Botschaft hohes Identifikationspotential. Melodie und Harmonie werden in trockene Theorie gegossen oder mit fantastischen Metaphern beschrieben. Es gibt viele Wege, über Musik nachzudenken, aber gerade weil sie so einen hohen Stellenwert in unserem Alltag besitzt, dürfen wir unsere eigene Voreingenommenheit nicht unterschätzen.

Für mich ist Musik wie ein Regen. Für die ersten Sekunden lausche ich noch den einzelnen Tropfen, wie sie auf den Boden fallen und mir Details über Untergrund, Entfernung und Volumen vermitteln. Doch schnell gibt es zu viele Tropfen um mich herum, als dass ich jeden einzelnen bewusst wahrnehmen könnte. Vielmehr übertönt das allgemeine Rauschen die übrigen Laute und nimmt mir die Orientierung. Solange der Regen lauter ist als alles andere, bin ich quasi taub und habe keine Chance mehr, sinnvolle Informationen über die Ohren zu gewinnen. Stattdessen beginnt mein Gehirn mit der Produktion einer alternativen Realität. In ein gleichmäßiges Rauschen lässt sich alles Mögliche hinein interpretieren. Nun bietet die meiste Musik aber von sich aus viele Interpretationen, wodurch die eigene Fantasie beruhigt werden kann. Anders herum lässt sich nicht mit jedem Lied die gleiche Wirkung erzielen. Wichtig ist nur, dass die Musik laut genug ist und einen dreidimensionalen Klangraum erzeugt, in dem ich mich bewegen kann. Dann blende ich meine Umgebung vollständig aus und erlebe eine andere Welt.

Ich bin ein absoluter Gegner von Hintergrundmusik. Entweder ich will mich in erster Linie auf die Musik fokussieren oder sie gar nicht hören. Dabei kann natürlich auch Filmmusik eine wichtige Rolle in der Wahrnehmung haben, wenn sie nur richtig eingesetzt wird und nicht zur bloßen Übermalung peinlicher Stille dient. Es gibt verschiedene Situationen im Alltag, in denen ich gezielt Musik anmache. Grundsätzlich höre ich Musik entweder um abzuschalten oder um meine Fantasie gezielt zu stimulieren. Bei letzterem sitze ich meistens an irgendeiner kreativen Arbeit, beim Schreiben oder Designen. Die Musik wird zu meiner Lebensrealität. Ich drehe meinen Kopf und mein Sichtfeld beginnt zu verschwimmen, nach der akustischen Orientierung hebel ich die visuelle aus, damit ich meine ganze mentale Aufmerksamkeit auf meine Arbeit richten kann.
Durch die Musik vergesse ich, in welchem Raum ich sitze und welches Wetter draußen ist. Ich sehe durch den PC-Bildschirm wie durch ein Fenster in eine andere Welt. Die laute Musik um mich herum gibt mir dabei Halt und Rhythmus und unterstützt mein Gehirn bei der Aufrechterhaltung der Illusion. Lustigerweise sind es gerade deutsche Songtexte, die diese Illusion manchmal ankratzen. Gleichzeitig die Wörter einer Sprache zu hören und zu schreiben schafft eine zu konkrete Verbindung, die das Gleichgewicht stört. Unterbewusst schwebe ich auf einer Wolke der Musik, bewusst dagegen arbeite ich auf Hochtouren an meinem eigenen Werk. Diese Arbeitsweise ist sehr effektiv und weniger anstrengend als stumpfe Stillarbeit. Bin ich erst einmal im Flow, kommen die Ideen von allein und ich kann die Arbeit von mehreren Tagen in zwei Stunden erledigen.

Ausschlaggebend für die berauschende Wirkung ist nicht nur die Lautstärke, sondern ebenso die Abwechslung in der Musik. Ich höre Pop, Rock, Rap und Electro wild durcheinander und höre jeden Song im Schnitt nur dreimal pro Jahr. Glücklicherweise habe ich ein Musikprogramm entdeckt, welches mir erlaubt meine umfangreiche Sammlung sehr gleichmäßig durchzuhören und trotzdem Einfluss auf die Playlist nehmen zu können. Dies beschreibe ich gesondert im Artikel Playlists.
Ein ganz anderer Punkt beim Erleben von Musik ist das Gemeinschaftsgefühl. Egal ob auf Partys, Konzerten oder unter Freunden. Schnell kann ein Song zur Hymne werden und die unterschiedlichsten Menschen zusammenbringen. Dann wird die Musik selbst zum Kommunikations­medium.

Anmerkungen:
keine