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RAPPI


Text/Abbildungen:
Jonathan Püttmann
Hochgeladen: 10.06.2020
Textart: Bericht
Kategorie: Literatur
Länge: 1537 Wörter

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Seite 1
A101

RAPPI - Wie ich mich von mir verabschiedete


RAPPI - Druck 2017
Steckbrief
Geschrieben:2017
Veröffentlicht:nein
Länge:60500 Wörter; 268 Seiten
Genre:Spannung
Cover:Sonnenuntergang in der Toskana
Bindung:Taschenbuch Softcover
Inhalt

Deutschland steht im Krieg. Diesen Eindruck gewinnt man jedenfalls, wenn man sich etwas intensiver mit dem System beschäftigt, welches uns dieses ruhige und zivilisierte Leben ermöglicht. Für jede Sekunde Frieden gibt es woanders eine Minute lang Krieg. Es ist ein Rohstoff, der Motor unserer Wirtschaft und der Todesstoß für jede Moralvorstellung. Ist man einmal eingeweiht in die Machtverhältnisse der sogenannten Demokratie, wünscht man sich schnell, alles wieder zu vergessen. Doch ein reines Gewissen ist trügerisch. Besonders wenn dich noch immer deine alten Bekannten kennen, du sie aber nicht mehr. Du suchst Verbündete. Und beginnst damit die erste Lüge in deinem neuen Leben. Denn in deiner Welt sollte man nicht vertrauen.

Einst hattest du die Hoffnung, dass du das System verändern und die Welt verbessern könntest. Doch je näher du deiner alten Identität auf die Spur kommst, desto klarer wird dir, dass in deiner Abwesenheit alles nur noch schlimmer geworden ist. Menschen leiden, Menschen sterben, Menschen töten. Ein Sturm zieht auf mit dem Potential, ganz Deutschland unter sich zu begraben. Da lässt du dich von keinen Engeln und hübschen Ferienhäusern täuschen. Und ab irgendeinem Punkt bleibt dir nichts anderes mehr übrig, als dich von dir selbst und deinem Gewissen zu verabschieden.

Leseprobe

Es klopft. Es ist dunkel. Es ist still. Blut läuft ihr übers Gesicht. Sie muss die Augen zusammenkneifen. Da wacht sie auf. Es ist ihr Herz, das klopft. Gott sei Dank. Ihr Traum ist wirklich schrecklich gewesen. Zum Glück hat sie schon wieder vergessen, was genau darin passiert war. Jetzt hört sie Kinderschreie. Die Nachbarn kommen also gerade zurück.
Für kurze Zeit hat sie das Bedürfnis, rauszugehen und ihnen zu sagen, dass die Kinder gefälligst leise sein sollen. Sie lässt es bleiben.
Es mischen sich Polizeisirenen unter das Geschrei. Na toll, spätestens jetzt kann sie es wirklich vergessen, noch einmal einzuschlafen. Dann macht sie eben einen kleinen Spaziergang. Die Sonne müsste auch bald aufgehen.
Sie tastet nach dem Lichtschalter, als die LED-Spots an der Decke jedoch angehen, knipst sie sie gleich wieder aus. So viel Licht auf einmal kann sie nicht vertragen.
An der Wohnungstür angekommen, wundert es sie keine Sekunde, dass diese nicht abgeschlossen ist. Auch die schwarze Gestalt, die im Treppenhaus direkt vor ihrem Eingang kauert, interessiert sie nicht im Geringsten. Sollen doch die Obdachlosen im Haus schlafen dürfen, solange sie nichts klauen.
Sie betritt den Aufzug. Leider kann sie es nicht verhindern, dass während der gesamten Fahrt das Licht an bleibt und sie gezwungen ist, ihr heruntergekommenes Äußeres im Spiegel zu betrachten.
Ihr blondes, schulterlanges Haar ist fettig und verfilzt. Ihre großen runden Augen stechen aus dem fahlen und abgemagerten Gesicht heraus wie das World Trade Center aus der New Yorker Skyline. Dann der lange dünne Hals und die schmalen Schultern, an denen ein viel zu weites, zerknittertes T-Shirt hängt. Schwach zeichnen sich durch den weißen Stoff ihre Brustwarzen ab. Allein ihre Beine lassen erkennen, dass dies nicht ihr erster Spaziergang ist. Lächelnd lässt sie die Muskeln spielen und beschließt sogleich, ihren Nachtlauf noch etwas auszuweiten.

Im Erdgeschoss ist die Hölle los und das um diese Uhrzeit. Irgendetwas muss passiert sein. Sie will aber nicht nachfragen, das würde nur gaffende Blicke auf sie ziehen.
Schnell drückt sie sich an der Menge vorbei und läuft hinaus auf die Straße. Genau in diesem Augenblick biegen mehrere Polizeifahrzeuge mit Blaulicht um die Ecke. Wegen nichts als ein paar Pennern, denkt sie und läuft weiter.
Sie meidet die wenigen beleuchteten Straßenabschnitte und macht einen weiten Bogen um andere Spaziergänger. Sie fühlt sich gut heute morgen. Obwohl sie so schlecht geschlafen hat.
Zunächst folgt sie einfach den Sternen, die hier deutlich besser zu sehen sind als in der Innenstadt und macht sich keine Gedanken über Weg und Richtung. Ihr fällt auf, dass sie barfuß unterwegs ist. Seltsamerweise macht ihr das aber gar nichts aus. Im Gegenteil: Nach und nach merkt sie, wie das Leben in ihr neuen Halt findet. Beflügelt zieht sie das Tempo an. Nun weiß sie auch, wohin die Reise geht. Und sie hat so schnell auch nicht vor, zurückzukehren.

Den Weg kennt sie in- und auswendig. Es ist ein gutes Stück und kaum geeignet für den durchschnittlichen Barfußläufer, aber sie hat gute Laune und ist vollkommen ruhig. Ihre Füße bewältigen die Anstrengung spielend leicht. Sie hat keine Angst vor spitzen Steinen oder Dornen, Glasscherben. Das Risiko ist da, doch bisher hat sie Glück gehabt.

Mit dem Einsetzen der Dämmerung wird es immer schwieriger, anderen aus dem Weg zu gehen. Die Bewohner der umliegenden Häuser beginnen, in Scharen zu den wenigen Parkplätzen zu eilen. Da sind ältere gesetzte Herren in Hemd und Krawatte und Damen in aufwändigen Kostümen, die niemanden mit nur einem Blick würdigen. Die sind ihr noch am liebsten.
Schlimmer sind die ganz jungen eitlen Typen, denen der Karrierewunsch ins Gesicht geschrieben steht. Der Ehrgeiz. Sie fühlt die begehrlichen Blicke auf ihrer Haut und wünscht sich, möglichst bald die Menschenmassen hinter sich lassen zu können. Doch da sind noch mehr.
Väter und Mütter mit kleinen Kindern hetzen zu den Fahrzeugen, halten nur inne, um sie kurz anzuschauen und dann ihr Kind mit einer abfälligen Bemerkung weiter hinter sich her zu zerren. Und dann sind da noch die Rentner. Alte Männer, die die frühen Morgenstunden nutzen, um ihren Bierbauch durch die Straßen zu schieben und sich alle Zeit der Welt nehmen, sie genau zu begutachten. Sie ist ja auch eine echte Sehenswürdigkeit. Schweißflecken lassen ihr T-Shirt durchsichtig werden, überhaupt ist es zwar weit, aber viel kürzer, als sie es gerne hätte. Hinzu kommt der leuchtend rote Slip, der ihren Hintern mehr zeigt als bedeckt.
Und da fahren Arme aus, rempeln sie wie zufällig an. Hände streifen ihre Oberschenkel oder greifen ihr unters T-Shirt. Sie zuckt jedes Mal zusammen, wenn eine der dreckigen Hände über ihre Haut fährt. Schneller, als sie reagieren kann, sind sie wieder verschwunden.
Schief grinsen die Männer sie an. Mehr als einmal bekommt sie einen Klaps auf die nackten Pobacken. Sie windet sich und läuft durch die Menge, doch die Hände halten sie fest und fassen sie an. Sie würde diesen Leuten am liebsten die Augen auskratzen, aber es sind zu viele. Sie muss sehen, dass sie von hier weg kommt. Hätte sie sich nicht etwas anderes anziehen können? In diesem Moment erreichen die ersten Sonnenstrahlen die Straße und die Menge ist wie verwandelt. Die Menschen vor ihr bilden eine Gasse und sie nimmt sie dankbar an. Sie läuft weiter.

Langsam verändert sich die Landschaft. Aus Wohnungsvierteln werden Industriegebiete, es folgt eine Kleingartensiedlung. Schließlich ist sie am Stadtrand angekommen und schlägt einen Feldweg in Richtung Wald ein.
Mittlerweile ist sie von Kopf bis Fuß verschwitzt und sie würde am liebsten ihr T-Shirt ausziehen, doch sie hat aus der jüngsten Vergangenheit gelernt und lässt es an. Obwohl die Sonne ihren Zenit noch nicht erreicht hat, liegt die Temperatur weit über dem ertragbaren Bereich. Es ist doch erst Mai, denkt und lässt sich seufzend auf einem Baumstumpf nieder.
Zum ersten Mal heute fühlt sie sich sicher. Hier draußen gibt es kaum Menschen und mit den wenigen hat sie durchwegs gute Erfahrungen gemacht. Außerdem hat sie hier den Heimvorteil. Sie kennt jeden Baum und jeden der verschlungenen Pfade, weiß, wo man sich verstecken kann und wo man gut Verfolger abschüttelt. Aber es gibt selbst für sie noch Überraschungen. Verwirrt betrachtet sie das Schild, das neben dem Weg steht, welcher tiefer in den Wald führt. Gefahrenzone – Betreten verboten.
Das stand früher aber noch nicht hier, oder? Sie kann sich nicht genau erinnern, entscheidet sich dann aber doch für ein Nein. Warum sollte so ein Stück Wald gefährlich sein?
Der leichte Westwind lässt in den Birken die Blätter tanzen und verführt selbst die alten Buchen zum Schaukeln. Ein Stieglitz flötet fröhlich vor sich hin, bis ein riesiger Habicht aus dem Hinterhalt kommt und ihm den Garaus macht. Das erinnert sie daran, dass auch sie Hunger verspürt. Für ein Frühstück ergab sich keine Gelegenheit und auch unterwegs hat sie nicht daran gedacht, sich etwas zu kaufen. Abgesehen davon hat sie auch kein Geld bei sich.
Trotz allem ist es ein guter Tag für sie, denn sie ist frei. Frei von Ängsten, frei von Pflichten, frei vom Alltag, wenn sie so etwas überhaupt hat.
Der Wald vermittelt Frische. Auch wenn es hier kein Grad kühler ist als in der Stadt, fühlt sie sich gleich besser.
Der Hunger nagt an ihr, aber sie weiß, wo sie etwas zu essen findet. Kurz muss sie sich noch gedulden.
Buchen und Birken wechseln sich ab, jeweils in kleinen Grüppchen. Dazwischen wachsen Kastanien. Längst hat sie den Weg verlassen, dort, wo sie hin will, gibt es keine Wege. Unter ihren Füßen raschelt Laub, knacken Zweige. Mehrmals muss sie die Hände zur Hilfe nehmen, wenn es zu steil wird. Dann geht es aber wieder abwärts und sie muss aufpassen, dass sie nicht stürzt. Die Erde ist staubtrocken, es hat lange nicht mehr geregnet und manchmal gibt es keinerlei Halt an Steigungen, sie rutscht immer wieder ab. Nur mithilfe hervorstehender knorriger Wurzeln, die ab und an aus dem Boden ragen, kann sie bald den hügeligen Teil des Waldes hinter sich lassen. Nun steht sie am Rand eines riesigen Tales, dass sich bis zur Isar hinunter erstreckt. Noch eine Stunde, denkt sie, dann kann ich endlich baden.

Anmerkungen:

keine