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Sport


Text/Abbildungen:
Jonathan Püttmann
Hochgeladen: 05.05.2021
Textart: Bericht
Thema: Körpergefühl
Länge: 845 Wörter
Seite 1
A400

Sport


Bewegungsstatistik 2020

Das Jahr 2020 ist zweifellos in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich gewesen, doch auf den interessantesten Aspekt bin ich erst Ende Oktober aufmerksam geworden. Generell bin ich nie viel Auto gefahren und seit ich von Zuhause ausgezogen bin, war mein primäres Verkehrsmittel stets die Bahn. Doch durch den Lockdown und die Verlagerung des Studiums ins Homeoffice hat sich mein Semesterticket kaum rentiert. Auf der anderen Seite habe ich mein Training so gut es ging durchgezogen und besonders meine Laufstrecken erheblich gesteigert. Das Ergebnis ist in der nebenstehenden Abbildung zusammengefasst. Obwohl die Schwimmbäder größtenteils geschlossen hatten, bin ich immerhin auf 110 geschwommene Kilometer gekommen. Mit dem Auto bin ich lediglich 740 Kilometer gefahren, nicht mal halb so viel wie mit der Bahn mit 1800 km. Stattdessen habe ich fast täglich mein Rad genutzt und bin damit insgesamt über 3200 Kilometer gefahren. Was mich an dieser Statistik am meisten überrascht hat ist die letzte Größe, nämlich die der gelaufenen Kilometer. Darunter zähle ich sowohl kleinere Strecken im Alltag als auch mein intensives Langstrecken-Training. Die knapp 3300 Kilometer sind mehr als ich in jedem anderen Jahr gelaufen bin. Gleichzeitig dürfte 2020 das erste Jahr meines Lebens gewesen sein, in dem ich mehr gelaufen als mit Auto und Bahn zusammen gefahren bin. Diese Tatsache hat mich nachdenklich gemacht.

Laufen ist so eine ursprüngliche Form der Bewegung, die wir nur selten bewusst wahrnehmen. Für den modernen Menschen ist Sport neben Zeitvertreib auch eine Frage der körperlichen Gesundheit. Doch können wir ausblenden, dass uns gerade unsere einzigartige Lauftechnik evolutionär geprägt hat? Sich aus eigener Kraft von A nach B bewegen zu können ist die wichtigste Fähigkeit aller Wirbeltiere, wie können wir annehmen, darauf verzichten zu können? Es ist nicht absehbar, wie sich dieser Wandel langfristig auf die Menschheit auswirken wird. Vermutlich werde auch ich bald wieder auf motorisierte Verkehrsmittel setzen. Doch hat das letzte Jahr mein Verständnis von Sport tief geprägt. Der menschliche Organismus wird gerne wie die letzte Fessel betrachtet, welche uns vom Einzug in den Himmel trennt. Diese religiöse Vorstellung wird in so manchem Kontext aufgegriffen. Unser Körper ist die Quelle von Krankheiten, schürt Rassismus und Diskriminierung, dient als Objekt der Selbstoptimierung oder er erträgt die Folgen unserer Essattacken. Beim Sport dagegen ist er das einzige, was wir haben. Wir können allen körperlichen Einschränkungen trotzen und gemeinsam mit unserem Körper alle Grenzen überwinden. Wie Anna von Boetticher, die mit einer zu kleinen Lunge die beste Freitaucherin Deutschlands wurde. Es liegt in unserer Natur, mit unserem Körper zu arbeiten - ohne bestimmte Ideale zu propagieren. Und so sollte man auch Sport begreifen: als einen natürlichen Teil unseres Lebens. Es erfordert Zeit, Disziplin und eine gute Selbstwahrnehmung, um sich im Training nachhaltig zu steigern. Und es genügt eben nicht die eine Stunde Anstrengung in der Woche. Ein erfolgreicher Sportler muss seinen ganzen Alltag neu strukturieren, die Ernährung anpassen und sich gegebenenfalls in anderen Bereichen einschränken. Was man dabei gewinnen kann außer dass man seltener krank wird und sich allgemein fitter fühlt, möchte ich auf den folgenden Seiten zeigen.

Trainingsplan 2020 Leider gibt es in unserer Gesellschaft noch immer ein sehr einseitiges Bild von einem sportlichen Menschen. Entweder wird direkt nach Geschlechtern sortiert – Jungs spielen Fußball, die Mädchen tanzen – oder die Einteilung geschieht nach Körperbau. Tatsächlich werden nach diesem Schema auch die Noten im schulischen Sportunterricht vergeben. Wie schon erwähnt wäre für eine nachhaltige Leistungssteigerung gezieltes, regelmäßiges Training notwendig. In meinen 13 Schuljahren dagegen erschlossen sich die Noten fast ausschließlich durch die momentanen Leistungen. Wer in einem Verein Sport trieb, hatte gute Chancen, wenigstens in diesem Bereich gute Noten zu erzielen. Wer sich nichts aus Sport machte, wurde in keiner Weise motiviert, diese Einstellung zu ändern. Stattdessen verfestigt sich die Vorstellung, dass Menschen sportlich oder unsportlich geboren werden.
Tatsächlich bringt es wenig, wenn 20 Menschen in einer Gruppe stets dasselbe Training absolvieren. Ein Beispiel: Sowohl im Schulsport als auch in diversen Vereinen gibt es das Prinzip der Straf-Liegestütze. Macht jemand in der Gruppe Unsinn oder erbringt nicht die gewünschte Leistung, heißt es sofort „10 Liegestütze!“. Was im Stadion die Extrarunde laufen ist, das ist im Hallensport eben der Liegestütz. Dabei werden häufig mehrere Strafen in kurzer Zeit aufaddiert, sodass Zahlen wie 50 oder mehr zu Stande kommen. Ob der Betreffende überhaupt einen einzigen Liegestütz sauber ausführen kann, spielt keine Rolle. Es wäre ja ungerecht, wenn durchtrainierte Menschen eine höhere Strafe als andere bekämen, oder?
Auf diese Weise habe ich mich durch Schule und Vereine gekämpft, ohne mich erheblich zu steigern. Erst mit 18 habe ich gelernt, systematisch zu trainieren und mir realistische Ziele zu stecken. Nach dem Abitur hatte ich genügend Zeit und mit den ersten Erfolgen wuchs auch die Motivation. Mittlerweile mache ich, wenn möglich, bis zu 18 Stunden Sport pro Woche. Das klingt viel, doch ich fühle mich wohl damit. Das Körpergefühl ist ein ganz anderes und ich weiß genau, was ich physisch leisten kann und was nicht. Innerhalb von drei Jahren hat sich meine Geschwindigkeit auf 1000m um mehr als 50% erhöht. Ich habe keine Ahnung, wie sehr ich mich noch steigern kann und wo meine Grenzen liegen, aber ich werde es herausfinden.

Anmerkungen:

keine