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Tausch


Text/Abbildungen:
Jonathan Püttmann
Geschrieben: Juni 2019
Hochgeladen: 12.02.2020
Länge: 3800 Wörter
Genre: Fantasy

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A101

Tausch


Prolog bla bla uf diese gefolgt, nur um festzustellen, dass ich in einer Sackgasse gelandet bin. Kein Link mehr, kein geheimer Steig durch die Höhen und Tiefen des Internets, meiner zweiten Heimat. Hämisch grinst mich der pechschwarze Totenschädel von seinem Platz oberhalb dieses rätselhaften Satzes an, wie von seinem Höllenthron herab, und fordert mich doch gleichzeitig heraus. Ich will ihm gerade antworten, dass ich keine Angst vor ihm habe, dass ich ihm zeigen werde, wer der Boss ist und so einen Scheiß, da gibt mein Laptop einen letzten Seufzer von sich und es wird dunkel im Raum. Von der gegenüberliegenden Hausfassade reflektiertes Laternenlicht scheint fahl durch die trüben Fensterscheiben und läss
Unsinn

„Im Schrei­ben tau­schen Tote und Lebende höf­lich die Plätze.“, lese ich laut vom Computer­bild­schirm ab. Manch­mal tue ich dies, wenn ich allein bin, mich allein fühle oder nichts mit dem Gelesenen anzu­fangen weiß. Im Moment trifft alles drei zu. Das Leben in einem Wohnheim kann doch ziemlich einsam sein, mit so vielen Nachbarn. Ich starre auf den leuchtenden Monitor und frage mich, was die kaltweißen Worte auf hellrotem Grund mir zu sagen versuchen. Mehr aus Langeweile bin ich dem Pfad aus mattblauen Links über unzählige Seiten bis auf diese gefolgt, nur um festzustellen, dass ich in einer Sackgasse gelandet bin. Kein Link mehr, kein geheimer Steig durch die Höhen und Tiefen des Internets, meiner zweiten Heimat. Hämisch grinst mich der pechschwarze Totenschädel von seinem Platz oberhalb dieses rätselhaften Satzes an, wie von seinem Höllenthron herab, und fordert mich doch gleichzeitig heraus. Ich will ihm gerade antworten, dass ich keine Angst vor ihm habe, dass ich ihm zeigen werde, wer der Boss ist und so einen Scheiß, da gibt mein Laptop einen letzten Seufzer von sich und es wird dunkel im Raum. Von der gegenüberliegenden Hausfassade reflektiertes Laternenlicht scheint fahl durch die trüben Fensterscheiben und lässt mein schmales Bett in den Schatten von Schreibtisch, Regal und Monitor gänzlich verschwinden. Mein Partner, der Rechner, ist eingeschlafen. Ich sollte es ihm gleichtun, sonst nicke ich wieder in Statistik ein. Ich öffne das Fenster auf Kippe, ziehe die Vorhänge zu und lasse mich aufs Bett sinken. Noch mit geschlossenen Augen sehe ich den Schädel vor mir, wie er grinst und lacht und tückisch mich zum Spiel auffordert.

„Das ist doch Unsinn!“, meint Patrick, während er ein Pommesstäbchen zwischen seinen Fingern dreht und es anschließend in die Bratensoße dippt. Katrin wiegt stirnrunzelnd den Kopf hin und her und tut so, als würde sie ebenfalls über meinen Satz nachdenken. Es hat ein halbes Semester gedauert, bis ich Patrick im Programmierpraktikum kennengelernt habe, mit dem man sich noch über etwas anderes als Primzahlen, Bitvektoren und Matrizen unterhalten kann. Keine Ahnung, warum sich Katrin uns angeschlossen hat. In Physik und Mathe bewegt sie sich wie ein Fisch im Wasser, außerhalb davon – nicht. Dabei sieht sie gut aus, hat eine sportliche Figur, hübsches Gesicht und wache Augen, doch wenn es um Kunst, Politik oder Philosophie geht, schaltet sie augenblicklich in Stand-by. Patrick ist da anders, seine Neugierde kennt keine roten Linien zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen und seine aufgeweckte Art und sein Talent, blitzschnell zu kombinieren und zu verstehen, pusht meine Laune jeden Tag aufs Neue hoch bis zur Schmerzgrenze. Am liebsten würde ich ihm einfach bloß zuhören, aber gibt man ihm nicht ständig neuen Input, ist er still wie auf einer Beerdigung. So wie jetzt.

„Natürlich trifft ein Schriftsteller Entscheidungen über Leben und Tod, aber das ist nicht das Gleiche. Ein Krimi dient der Unterhaltung, in der Realität kommt man für einen Mord lebenslang in Knast.“, fache ich die Diskussion neu an. Umgehend ist Patrick wieder bei mir.

„Genau das sag ich ja. Es geht um Macht. Als Autor bist du Gott, du kannst dir alles erlauben. In der Realität fehlt dir diese Macht. Da fehlt dir bereits das Wissen darüber, was der Tod überhaupt ist.“

„Wissen ist Macht. Und Macht ist Kontrolle. Meinst du, man könnte den Tod besiegen, wenn man ihn besser kennen würde?“

„Genau das habe ich mich auch grade gefragt.“ Er lässt das überschüssige Fett von der Gabel abtropfen und steckt sich dann das letzte Stück Fleisch genüsslich in den Mund. Noch während er kaut, kommt ihm eine Idee: „Man müsste absichtlich sterben, um zu erfahren, was der Tod ist.“

„Ja, tolle Idee.“, mischt sich Katrin ein, „Knallt euch doch einfach gegenseitig ab, das ist sicher überaus erleuchtend. Man munkelt, du hättest bereits einen Versuch hinter dir.“

Sie hat natürlich einen Witz machen wollen – die Ironie steht ihr, macht sie irgendwie attraktiv – doch unseren Gesichtern sieht sie an, dass der Schuss nach hinten losgegangen ist.

„Das meint ihr jetzt nicht im Ernst, macht mir keine Angst!“, rudert sie zurück, aber es ist zu spät. Über den Tod macht man keine Späße, jeder Teenager weiß das. Es gibt kaum ein Thema, dass junge Menschen mehr bewegt als die Faszination der eigenen Sterblichkeit. Am eigenen Leib erfahren, was es heißt zu leben. Ich schaue Patrick in die Augen und sehe in ihnen ein leises, wissendes Lächeln, das mir unwillkürlich das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Ich deklamiere: „Es ist ein Reim von grünen Lungen. Die harte Schale des Samens ist zersprungen. Heraus treibt nun ein spitzer Keim, der sich wie eine Schlange windet und an den drunterliegenden Nährboden bindet. Wenn sich dann das Korn vollends spaltet und die ersten grünen Blätter entfaltet, ums Licht ringt und nach Wasser dringt, dann ist ein Leben neu erwacht, so wies der liebe Gott erdacht.“

Die vorletzte Sitzreihe dreht sich zu mir um. Nicht, dass sie der Vorlesung folgen wollen, bei dem ständigen Gemurmel von 300 Kommilitonen versteht man sowieso kein Wort, doch vermutlich haben sie zum letzten Mal beim Abitur ein Gedicht gelesen. Warum habe ich bloß diese scheiß Statistik-Klausur vergeigt, sonst könnte ich jetzt bei Patrick in Kommunikationssysteme sitzen. Nun ist WhatsApp die einzige Verbindung zwischen uns.

„Es ist so ähnlich wie beim Gleichnis mit dem Senfkorn. Wir haben in dir eine Idee gesät und jetzt ist es nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Wurzeln eines Plans sich in deinem Kopf festsetzen.“, schreibe ich ihm.

„Nicht witzig Hahaha.“, folgt prompt die erwartete Antwort, „Ernsthaft. Wie geil wäre das bitte, wenn wir die ersten Menschen werden, die den Tod überlistet haben.“

„Sehr geil :D“, imitiere ich seinen bewusst gewählten ironischen Jugendslang.

„Glaubst du mir nicht?“

„Ich träume lieber von Geld, Macht und Frauen als vom Tod.“

„Ich ja auch, aber das ist eine einmalige Chance.“

„Nich dein Ernst.“

„Jeder Selbstmörder denkt bei seiner Tat bloß an sich, an Ungerechtigkeit und bestimmt Rache oder so. Aber wenn ich mir jetzt den Auftrag stelle, zu dir zurückzukehren und dich über den Tod aufzuklären …“

„Meinst als Geist? Zu einer Wahrscheinlichkeit von 99% wirst du einfach verrecken wie jeder Idiot vor dir. Und besitzt du überhaupt genügend Pflichtbewusstsein, dass du noch an mich denkst, wenn du an einem besseren Ort bist?“

„Mein Stiefvater hat ne 6mm Walther im Keller liegen.“

Ich atme durch. Seit wann trommeln schon meine Finger so nervös über die hölzerne Schreibunterlage? Ich kapiere nicht, wieso ich jede Woche hierherkomme, um mich doch wieder ganz nach hinten zu setzen, wo man nichts versteht und lediglich mit seinen Sitznachbarn Diskussionen über die schlechte Handschrift des Professors führen kann. Mein Handy, zwischenzeitlich auf der geneigten Tischplatte abgelegt, beginnt erneut zu vibrieren und bringt dabei die Sitzlehne meines Vordermanns zum Beben. In meinen Ohren klingt es irgendwie unheilvoll – ein tiefes Brummen, wie von einem rollenden Panzer.

„Es muss schnell gehen, damit ich kurz vorher nicht noch auf andere Gedanken komme.“

„Ich melde dich schon mal in der Geschlossenen an.“

„Tu das.“

Ich überlege. Schließlich schreibe ich: „Weiß du, was abgefahren wär? Wenn du mich nicht nur besuchen würdest, sondern wir wortwörtlich die Plätze tauschen würden. Ich geh ins Jenseits und du schlüpfst in meinen Körper und lebst darin paar Jahre weiter. Danach tauschen wir wieder.“

„Bäh! Dusch dich dann bitte vorher gründlich. Höflichkeit hin oder her. Und mach ein Date mit der Blonden aus dem Soft-Skill-Training klar, du weißt schon, dann muss ich das nicht tun ;D“

„Studiert die nicht was mit Umwelt? Aber klar, kann ich machen.“

„Soll ich wirklich?“

„Deine Entscheidung. Schreib nen hübschen Abschiedsbrief, in dem du Merkel und das schlechte Wetter kritisierst und deine spektakuläre Rückkehr in meinem Körper ankündigst.“

„Ok. Mal schauen. Ich melde mich später nochmal.“



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