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Über die Alpen


Autor: Jonathan Püttmann
Bilder: Niklas Spiller
Hochgeladen: 19.12.2020
Textart: Bericht
Kategorie: Reisen
Länge: 17314 Wörter

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Alpenüberquerung 2016


Kurz vor der italienischen Grenze
Dominikushütte - Wiener Neustadt

Strecke: 10km; Höhenmeter: 600hm hoch, 550hm runter

Ich wollte etwas früher aufstehen als die anderen, um vor dem Frühstück zu duschen. Das klappte so halb. Zwar war ich nicht der Erste, der sich blinzelnd nach draußen in die strahlende Sonne traute, doch zunächst der Einzige, der duschen wollte. Ich ging ins Haus an den Empfang und kaufte einen Duschchip. Diesen musste ich im Duschraum in einen Automaten werfen, einen Knopf drücken und von da an hatte ich zwei Minuten heißes Wasser. Erstaunlicherweise klappte die Zeiteinteilung mit Haare waschen etc. ziemlich gut und ich stellte das Wasser noch ab, bevor es kalt wurde. Danach fühlte ich mich wie ein neuer Mensch. Als ich nach draußen kam, waren die anderen schon dabei, ihre im Waschbecken gewaschene Kleidung zum Trocknen aufzuhängen und ein wenig aufzuräumen. Heute wollten wir endlich die Grenze nach Italien überqueren. Doch erst einmal wollten wir so lange wie möglich an diesem Aussichtspunkt bleiben.

Erst am späteren Vormittag liefen wir mit unseren gepackten Rucksäcken los. Zunächst folgten wir der Schotterstraße am Seeufer entlang und sahen auf einen Schlag mehr Autos als in den vergangenen vier Tagen zusammen. An der Stimmung in der Gruppe und dem Wetter war nichts auszusetzen, selbst als wir auf die dicht befahrene Hauptstraße stießen und für eine halbe Stunde in den Genuss der Autoabgase kamen. Doch schließlich waren wir auf der anderen Seite der Ortschaft angekommen und folgten den Touristenströmen in ein flaches, lang gezogenes Tal mit einem breiten Bach und einem gut ausgebauten Wanderweg. Jede zweite Person, die wir sahen, trug Turnschuhe, Sandalen oder noch weniger an den Füßen und es dauerte über eine Stunde bis wir wieder einigermaßen für uns waren. Nach dem plötzlichen Kontakt mit so vielen anderen Menschen wirkte nun der Weg ausgesprochen einsam, obgleich uns noch immer mehr Wanderer als am Vortag begegneten. Auf der anderen Seite des Tals imponierte der große Schrammach Wasserfall. Die Talsohle war geprägt von einer steinigen Graslandschaft mit vereinzelten Nadelbäumen, um die sich unser Weg wand.

Langsam wurde der Weg steiler und wir machten die erste Pause an einem Haus, das museumsartig mit Gegenständen von früher eingerichtet war. Keine Ahnung, was das genau war, aber diejenigen, die rein gegangen waren, zeigten sich durchaus positiv überrascht. Fast zeitgleich passierten wir die Baumgrenze – von nun an konnten wir wieder kilometerweit schauen und andersherum nirgendwo Sichtschutz finden. Das trockene Gras war zunehmend bedeckt von losem Geröll, sodass die Landschaft zum Talende immer grauer und lebloser wurde. Die Sonne verschwand hinter einer dichten Wolkenwand und ein kühler Wind trieb uns in unsere Jacken. Zum Glück blieb wenigstens der dunkel am Himmel prophezeite Regen aus.

Dann erreichten wir gegen Mittag die Grenze nach Italien. An sich war sie ziemlich unspektakulär, ohne die Schilder hätte man sie gar nicht erkannt. Allerdings bot das kleine Steinhaus daneben einen willkommenen windgeschützten Ort für unser Mittagessen. Es gab das Gleiche wie jeden Tag und da sich niemand gern auf trockenes Brot mit Pesto und Würstchen konzentrierte, überlegten wir uns, welches Tier zu wem von uns am besten passen würde. Ich war natürlich ziemlich schnell die Giraffe, bei anderen wurde länger diskutiert. Felix wirkte wie eine Gans, beim Rest erinnere ich mich nicht mehr.

Am Pfitscherjoch Haus, wenige Meter auf italienischem Boden, nutzten wir die Gelegenheit, unsere Wasserflaschen aufzufüllen. Denn wie gewöhnlich wussten wir nicht, wann wir das nächste Mal Zugang zu frischem Trinkwasser haben würden. Dass wir dabei unsere Flaschen einfach in den Toilettenräumen unter den Wasserhahn hielten, war uns völlig egal. Wasser war eine reine Lebensressource, kein Genussmittel.

Der Weg über die Hochebene war nicht sehr anstrengend, doch er zog sich mal wieder sehr in die Länge. Und wie immer war es gerade das letzte Stück der Steigung, das am steilsten und für unsere Nerven besonders herausfordernd war. Doch an diesem Tag blieben wir relativ dicht zusammen. Das ergab sich daraus, dass der bergauf Langsamste, Felix, an die Spitze gestellt worden war und niemand ihn überholen durfte. Dieser Umstand sorgte für Unmut in der Gruppe, war aber unvermeidbar, wollte man nicht das gleiche Ergebnis wie am Vortag bekommen.

Wir überwanden den für heute höchsten Punkt, danach ging es wieder deutlich flotter vorwärts. Nach einem kurzen schnellen Abstieg unterschritten wir schließlich die Baumgrenze und tauchten in einen Wald ein. Dieses Mal gab es keine abkürzenden Wanderpfade, dafür war die asphaltierte Straße vermutlich bereits zu steil. Erst gegen Nachmittag erreichten wir die Weggabelung, ab welcher ein vielversprechend aussehender Waldweg weg von der Straße gerade in den Wald hinein führte. Hier machten wir eine kurze Pause und Josua sagte, er wolle mit einigen Freiwilligen weiter die Straße hinunter bis zur nächsten Ortschaft laufen, um einzukaufen. Sofort war die Gruppe in heller Aufregung. Nach fünf Tagen wieder ein Lebensmittelgeschäft betreten – das hörte sich sehr verlockend an. In Eile wurden lange Einkaufslisten erstellt. Wer nicht selbst die zusätzlichen Kilometer gehen wollte, musste jemanden finden, der bereit war, die Einkäufe des anderen gut hundert Höhenmeter bergauf zu schleppen. Die meisten Wünsche beschränkten sich daher auf Schokolade, Weingummi und Chips. Ich hatte kein Interesse an derlei Snacks. Solange es ein vollwertiges Abendessen gab, war ich rundum zufrieden.

Nach der Pause trennte sich also die Gruppe und ich muss sagen, es war die richtige Entscheidung, gleich zur Wiener Neustadt zu gehen. Ein wenig egoistisch, andererseits hatten sich auch genügend Freiwillige für die Einkäufe gemeldet. Der Weg wurde schnell schmaler und ließ nicht erkennen, in welche Richtung wir uns insgesamt bewegten. Bald überquerten wir die Brücke über einer kleinen Schlucht, der Klang des Wasserfalls sollte uns noch für die nächsten 18 Stunden in den Ohren bleiben.

In kleinen Windungen führte der Weg durch den Wald, alle paar Meter gab es eine kleine Lichtung mit altem, trockenen Totholz auf saftigem Gras und allerlei bis zu hüfthohen Pflanzen. Dann sahen wir die ersten Hütten oder besser gesagt das, was von ihnen übrig war: Vier Wände aus rohen Baumstämmen, jeweils etwa drei Meter lang. Das Dach war selten und auch dann nur ansatzweise erhalten und selbst die Wände waren stellenweise eingebrochen. Und in einer solchen Hütte sollten wir übernachten? Zum Glück blieben wir nicht stehen, sondern zogen noch einige hundert Meter weiter, bis wir uns schließlich im Herzen der Wiener Neustadt befanden.

Die Wiener Neustadt

Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Anlehnung an die zuvor vom Österreichischen Touristenclub erbaute Wiener-Hütte ein kleines Dorf mitten auf dem Berg gebaut. In den einfachen Holzhütten wurden die Ernten von den umliegenden Heuwiesen gelagert, um sie später mit Schlitten hinunter ins Tal zu transportieren. Gut 100 Jahre später ist die Wiener Neustadt eine beliebte Übernachtungsmöglichkeit und vielfach empfohlene Zwischenstation auf dem Wanderweg München-Venedig. Sie besteht aus insgesamt elf Holzhütten, von denen 2016 aber bloß noch vier so weit intakt waren, dass man darin Schutz finden konnte. Eine davon lag etwas erhöht auf einer Lichtung, das Dach war noch vollständig und der Boden im Inneren mit altem Heu ausgelegt. Hier wollten wir mithilfe unserer Planen wenigstens eine Wand winddicht machen, sodass wir gemeinsam in der Hütte übernachten konnten. Dass jemand eine tote Ratte fand und später noch eine lebendige gesichtet wurde, störte eher wenig. Einen richtigen Weg gab es auf der Lichtung nicht, dafür schlugen wir mit Stöcken das hüfthohe Unkraut nieder und etablierten einige Pfade zwischen den drei Haupthütten. Die anderen beiden Häuser, die wir verwendeten, waren deutlich weniger gut erhalten als unser Übernachtungslager und der Eingang insofern etwas unbequem, dass der Erdboden in den Häusern gut einen halben Meter tiefer lag als der umliegende Boden und wir durch provisorische Treppen den Höhenunterschied überbrücken mussten. In der vom Schlafplatz näher gelegten Hütte errichteten wir eine Feuerstelle und eine Handvoll Sitzgelegenheiten. In der dritten Hütte lagerten wir unsere Rucksäcke und alles, was wir an diesem Tag nicht mehr brauchen würden.

Unser Schlafplatz in der Scheune Felix hatte schließlich die Idee, aus alten Dachschindeln, Totholz und seinem mitgebrachten Seil eine breite Sitzbank zu bauen. Ich fand die Idee erst einmal unrealistisch und sammelte lieber Feuerholz, später half ich allerdings noch ein wenig beim Bau mit. Dann hatten wir tatsächlich nichts mehr zu tun und es war sogar noch hell. Ich nutzte die Zeit und ging ein wenig die Umgebung erkunden. Erst zum Sonnenuntergang trafen auch die Einkäufer dazu und lobten Felix und Jul. Seit Kurzem gab es eine imaginäre Liste, auf der alle Gruppenmitglieder standen. Für Arbeiten wie Zelt­aufbau, Abwasch etc. wurden von Josua Punkte vergeben und fanden sich einmal keine Freiwilligen für eine Aufgabe, kam automatisch derjenige mit den wenigstens Punkten an die Reihe. Ich fand es ungerecht, dass Felix und Julian mehrere Punkte für die Sitzbank bekamen und ich keinen und so rechnete ich mir still selbst ein paar Punkte dazu, sodass mein Rückstand hinter den anderen nicht auffiel.

Auf einmal wurden an jeder Ecke Chips geknuspert und Schokolade verteilt, was mich nur wenig verlockte. Dann trafen noch zwei weitere Wanderer ein, ein Mann und eine Frau, die sichtlich überrascht waren, den Geheimtipp so bevölkert vorzufinden. Nach kurzer Überlegung zogen sie in die vierte und letzte erhaltene Hütte ein. Damit war das Dorf endgültig voll. Das Leben hier war einfach und unbeschwert, zum Bach waren es nur zweihundert Meter und es gab genügend Dickicht, Bäume und Pfade, um sich auch mal zurückziehen zu können.

Zum Abendessen gab es frischen Currytopf aus Reis, Eiern, Gemüse, Hühnchen und gelber Soße. Ich muss sagen, das war das beste Curry meines Lebens. Gekocht wurde zwar nur auf der Gasflamme, doch das vom Profi-Wedler angefachte Feuer spendete Licht und Wärme und erzeugte eine einmalige Atmosphäre in der winzigen Hütte. Die Bänke erwiesen sich nun als doppelt nützlich. Es fanden nicht nur alle rund ums Feuer Platz, nach dem Auslegen der Isomatten im Haupthaus hatte sich außerdem herausgestellt, dass mangels Platz wenigstens zwei Leute in einer anderen Hütte schlafen mussten und so nahm Josua das stabile Holzkonstrukt dankbar als Bett an. Wir redeten noch tief in die Nacht hinein und konnten erstmals sinnvollen Gebrauch von unseren Kopflampen machen, da es wirklich sehr dunkel war. Irgendwann zogen wir dann aber in unsere Scheune um und legten uns gleich in unsere Schlafsäcke, da man mit 14 Personen auf 12 Quadratmetern einfach nicht viel mehr tun konnte. Außerdem hatten sich bereits zuvor einige Gruppenmitglieder zurückgezogen, daher versuchten wir möglichst Rücksicht zu nehmen und wenige Minuten wurde die letzte Lampe ausgeschaltet. Zwar war die Wanderung heute nicht sehr spektakulär gewesen, umso abenteuerlicher erwies sich dafür unser jetziger Schlafplatz. Fünfzig Meter entfernt musste das fremde Pärchen liegen. Durch die Lücken in den Wänden drang ein wenig Restlicht und ein leichter, kalter Wind. Ich ahnte, dass ich so schnell nicht wieder eine so abenteuerliche Nacht erleben würde und schloss meine Augen, ließ den Moment ein letztes Mal auf mich wirken. Und ich schlief glücklich und zufrieden ein.



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