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Hinter dem Horizont


Text/Abbildungen:
Jonathan Püttmann
Geschrieben: Oktober 2019
Hochgeladen: 05.02.2020
Länge: 13294 Wörter
Genre: Märchen

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Seite 2
A101

Wir, hinter dem Horizont


Spiegelbild
Begraben von Wasser

Sie sitzt in ihrem Zimmer und heult. Eine Träne nach der anderen tropft auf den Teppich, wo sich bereits ein nasser Fleck erheblichen Ausmaßes bildet. Vorwurfsvoll wird sie von ihrem Stoffbären angeschaut. Sie wirft schluchzend ihr Handy nach ihm, dabei kann das zottelige Kuscheltier ja nichts dafür. Vielmehr hat das Handy Schuld. Mit ihm hat alles angefangen. Seitdem ist sie der unglücklichste Mensch auf dem Planeten. Hätten sie einen Garten, würde sie eine Schaufel nehmen und so lange graben, bis sie sich in das Loch legen und die Erde über sich zusammenbrechen lassen könnte.

Es klopft an ihrer Zimmertür. „Nicht jetzt!“, fleht sie. Plötzlich hat sie das starke Bedürfnis, alles abzustreifen, eine Panzerglaswand zwischen sich und die Welt zu stellen und bloß noch als Beobachterin zu fungieren. Über die niemand mehr urteilt. Da steht sie vor dem Spiegel, splitternackt und gebrochen. Ohne die teuren Klamotten, die jeden Monat wechseln müssen und ohne Schuhe, die lieber drücken sollen als zu groß aussehen. Wer hat das Recht, über diesen Körper zu reden? Wer hat etwas davon, ihr den Stolz zu nehmen? Diese Worte kann man nicht zurücknehmen und nie werden die Wunden ganz verheilen. Das erinnert sie an die Schachtel Rasierklingen, die in der Kommode im Flur liegt. Sie bräuchte schwereres Gerät, um ihre Grube so tief auszuheben, dass nie wieder Sonnenlicht auf ihre bleichen, dürren Beine fällt. Dass Baumwurzeln, dick wie Oberarme, ihre Körpermitte durchbohren und ihrem Skelett bis in alle Ewigkeit festen Halt bieten.

Auf Zehenspitzen trippelt sie ins Bad, die Arme um den Oberkörper geschlungen. Als würde das helfen, ihr Herz vor dem Lärm, der Gewalt und den Grausamkeiten in der Welt zu schützen. Sie hat kein Gefühl mehr in der Brust, wenn da überhaupt noch etwas unter der mageren Schicht Haut, Gewebe und Knochen lebt, dann das letzte Fitzelchen Ideenkraft, das es wunderlicherweise geschafft hat, in dem Grab von Asche zu atmen. Sie stellt sich in die Badewanne. Heißes Wasser schießt dazu und dreht sich um ihre Knöchel. Unter Wasser ist es ähnlich wie unter der Erde. Weil der Blick nach außen nichts bringt, richtet man ihn nach innen, ignoriert das Urteil anderer. Sie will ihre eigene Stimme es aussprechen hören. Dass sie einen Wert hat wie jeder, einen wunderschönen. Der aus der Wanne steigende Wasserdampf heftet sich an die weißen Kacheln, die Fensterrahmen und -scheiben und letztlich an den Spiegel an der gegenüberliegenden Wand. Damit verliert sie endgültig den Kontakt zum einzig verbliebenen Menschen, dem sie noch in die Augen schauen kann.

Langsam geht sie in die Hocke, taucht mit dem Hintern voran in das lauwarme Seifenwasser ein. Der Schaum kitzelt in den Achseln. Ihr Kopf ist leer. Sie hat einfach keine Idee, wie es weitergehen soll. Sie wird das Haus nicht mehr verlassen. Sie wird nie wieder mit einem Menschen sprechen. Sie wird nie wieder etwas essen, das ihr schmecken und sich rächend als widerliche Fettzelle an ihrer Hüfte ansiedeln könnte. Da bleibt nicht mehr viel übrig, was sie tun kann. Und so ergibt sie sich dem Wasser, welches munter weiter aus der Leitung sprudelt. Behutsam flüstert es ihr zu: „Eins, zwei, drei, neun Zimmer sind noch frei. Vier, fünf, sechs, die Angst ist ein Reflex. Sieben, acht, neun, du darfst den Sprung nicht scheu’n. Wirst du jetzt nicht ehrlich sein, im warmen, nassen Wännelein, wirst du es lebenslang bereu’n.“

Sie will die Augen schon schließen, da blitzt zwischen Tür und Waschbecken durch den heißen Dunst ein alternativer Weg auf. Ihr Verstand sagt ihr eindeutig, dass sie verrückt ist, doch ihr Bauchgefühl gibt ihr zu verstehen, dass dies der Notausgang ist, auf den sie immer gewartet hat. Das Wasser hat Recht. Ihre Eltern und ihr Zimmer muss sie zurücklassen. Das ist der Kompromiss. Denn lieber geht sie mit jungem Herzen, als unglücklich zerrissen zu sterben. Inständig hofft sie, dass sich die Einsamkeit bloß als Trugbild herausstellt. Sie kennt zwar niemanden, dem es ähnlich ergangen ist wie ihr, doch das heißt nichts. Jeder hat eine Stimme. Allein der Lärm hält die Menschen davon ab, sie zu benutzen. Hinter dem Horizont gibt es keinen Lärm. Nachdem sie losgelassen hat, spült sie das Wasser wie eine Flut zu einem großen Blockhaus aus schwarzen, unbearbeiteten Stämmen. Im ersten Stock gibt es fünf identisch quadratische Fenster, vier von ihnen sind von schwarz glänzenden Läden verschlossen, vor dem fünften blühen hellblaue Veilchen. Ein junger Mann kommt ihr entgegen.

„Ich freue mich, dass du hier bist. Ich bin Naci. Du siehst hungrig aus. Komm mit. Hinter dem Horizont wird es dir an nichts mangeln. Dein Zimmer wartet bereits auf dich und hinter dem Haus gibt es eine Quelle, wo du dich frisch machen kannst.“

„Hallo. Ich bin Aaina.“, antwortet sie schüchtern. Naci hat kurze braune Haare, ist mittelgroß, gut aussehend und äußerst zuvorkommend, wie sie feststellen muss. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als das frisch zubereitete Essen anzunehmen und sich unaufhörlich, während er aus dem Nichts neue Kleidung für sie organisiert, ihr Bett frisch bezieht und ihr den Nachschlag serviert, mit vollem Mund bei ihm zu bedanken. Dann hält Naci jedes Mal kurz inne, dreht sich mit einem Lachen im Gesicht wie dem eines kleinen Jungen zu ihr und antwortet, dass das doch eine Kleinigkeit zu dem sei, was erst noch auf ihn zukommt, sobald das Haus voll ist. Sie weiß zwar nicht, was er meint, aber sie verspricht ihm, bei jeder Arbeit zu helfen, die drinnen und draußen anfällt. Daraufhin nimmt der junge Mann ihre Hand in seine und meint: „Du magst es Arbeit nennen und ich nenne es Leben. Teilen wir die Arbeit, teilen wir das Leben hier, hinter dem Horizont, wo Seelen wie wir die Chance bekommen, noch glücklich zu werden.“

Plötzlich wird ihr ganz flau im Magen und Naci springt an ihre Seite, um sie zu stützen. Offensichtlich bildet sie sich das Schwanken des Bodens nicht bloß ein. Ihr erster Gedanke gilt der zuletzt eingenommenen Mahlzeit, welche sie ungern wieder freisetzen würde. Ungewöhnliche Zutaten sind nicht darin gewesen. Vielleicht war das Haltbarkeitsdatum der Sahne abgelaufen. Ein kaltes Schaudern durchfährt ihre Gliedmaßen. In der nächsten Sekunde wird sie sich der Ursache ihres Schwindelgefühls bewusst. Die Krämpfe haben nachgelassen. Die letzten drei Jahre hat sie durchgehend den Bauch eingezogen, den Kummer in ihre Brust gepresst und dort gut unter Verschluss gehalten. Hier ist das nicht mehr nötig. Fürsorglich begleitet Naci sie die breite Marmortreppe nach oben in ihr Zimmer, wo sie sich vollkommen entspannt ins Bett sinken lässt. Auch vor ihrem Fenster wachsen Blumen, an die sieben stolze Callas. Wie passend. Überhaupt ist vieles hinter dem Horizont ungewöhnlich stimmig. Ihr Zimmer zeigt in Richtung Nordosten, deshalb sieht sie nicht, wie die Sonne untergeht. Dafür erscheint kurz darauf ein Vanillepudding-gelber Vollmond vor ihrem Fenster. Zum ersten Mal seit langem hat sie keine Angst vor dem Einschlafen. Ihre einzige Sorge ist, dass sie morgen in ihrem alten Zimmer in der Wohnung ihrer Eltern aufwachen könnte. Dass alles bloß ein süßer Traum im zu heißen Badewasser war. Daran will sie gar nicht denken. Viel lieber streichelt sie mit den Fingern ihren Bauch, der trotz Sättigungsgefühl weich und ohne Spannungen oder Verhärtungen ist. Von diesem Gefühl kann sie gar nicht genug bekommen. Hinter dem Horizont ist die Welt, wie sie sein sollte. Und sie ist hier. Und sie ist nicht allein. Glücklich lauscht sie den Schritten und Handgriffen ihres neuen Mitbewohners ein Stockwerk tiefer, bevor auch er schlafen geht und sie entspannt in einen Traum abdriftet.



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