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Hinter dem Horizont


Text/Abbildungen:
Jonathan Püttmann
Geschrieben: Oktober 2019
Hochgeladen: 05.02.2020
Länge: 13294 Wörter
Genre: Märchen

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Seite 5
A101

Wir, hinter dem Horizont


Die Ruhmreiche

Die Luft schluckt alles Gefühl. In klirrender Kälte nimmt sie ihr Innerstes in sich auf und konserviert es für die Ewigkeit, eingefroren in einem kristallenen Schloss, das so rein, so klar ist, dass es weder greifbar noch sichtbar ist. In Gedanken bindet sie ihre Glückwünsche einer weißen Taube ans Bein und lässt sie hochfliegen in den himmlischen Palast. In ihrer Vorstellung wird die Nachricht innerhalb kürzester Zeit bei ihr ankommen. Es ist fast, als stünde sie jetzt genau neben ihr. Der eisige Wind kann ihnen nichts anhaben, denn ihre Körper sind aus bruchfestem Glas. Jede Jahreszeit durchstehen sie gemeinsam, doch heute, an ihrem 13. Geburtstag, heißt es Abschied nehmen. Früher oder später würde ihre Tochter sowieso die Flügel ausbreiten und sich selbstständig in die Lüfte heben und ohne sie die Welt erobern. Mit ihrem strahlenden Lachen und unerschütterlichem Optimismus. Kinder werden groß. Und es gibt Tage im Leben, da muss man schonungslos ein neues Kapitel aufschlagen und die Vergangenheit hinter sich lassen. Von einer hauchdünnen Schicht Schnee berieseln lassen, gerade so viel, dass sie noch den Weg nach Hause findet. Der Friedhof mit ihrem Grab ist nicht der ideale Ort dafür, doch Schmerzen wird es immer geben und sie wollte an der frischen Luft sein, wenn sie es tut. Seit einer Woche ist Tauwetter gemeldet. Und Tag für Tag wird es kälter. Werden die Schneeschauer länger und dichter. Sie gibt sich der Kälte hin und lauscht ehrfürchtig den flüsternden Klängen des winterlichen Hoforchesters: „Eins, zwei, drei, sechs Zimmer sind noch frei. Vier, fünf, sechs, die Angst ist ein Reflex. Sieben, acht, neun, du darfst den Sprung nicht scheu’n. Wirst du jetzt nicht ehrlich sein, und aufhören sie zu bewein’, wirst du es lebenslang bereu’n.“

Ihre Füße kribbeln, Nase, Wangen und Ohren sind längst taub geblasen vom kältesten Wind, den man sich nur wünschen kann. Ein Teil ihres Herzens wird immer in diesem Leben bleiben, still um den Unfall und den erlittenen Verlust trauern. Der restliche Teil wird hoffentlich eine Reise machen. Ein wenig Glück hat jeder Mensch im Leben verdient.

Hinter dem Horizont ist das ganze Jahr über Frühling. Und wenn Schnee liegt, bauen sie einen Schneemann und fahren Schlitten, dicht eingepackt in Jacken, Handschuhe und Mützen. Es sollte ein Abschied werden, da blitzt zwischen den verschneiten Grabsteinen ein alternativer Weg auf, verbindlich und schön. Sie betritt ihn in dem Wissen, dass sie nie alleine sein wird und dass sie sich am Ende alle wiedertreffen.

Das Haus ist größer, als sie gedacht hat. Vor den Fenstern im dritten Stock blühen bunte Blumen, Veilchen und Vergissmeinnicht. Einen knappen Meter über dem Dachfirst hat jemand eine Wäscheleine gespannt, wo einzelne bunte Wäschestücke im Wind flattern. Es sind fröhliche Stimmen zu hören, eine durchweg gute Stimmung. Sogar das Gras unter ihren Füßen fühlt sich warm und herzlich an. Erwartungsvoll läuft sie auf das Bauwerk zu, als sich die Eingangstür öffnet und eine junge Frau davor tritt.

„Hallo! Nett dich kennenzulernen, mein Name ist Aaina.“, wird sie begrüßt.

„Hi Aaina. Ich freue mich ebenfalls, hier zu sein. Ich bin Clio.“

„Dann komm, Clio, ich stelle dich den anderen vor.“, schlägt ihr die deutlich jüngere Frau vor, nimmt sie beherzt an der Hand und zieht sie ins Haus. Dort lernt sie Quinn und Jesko kennen; später kommt auch Naci dazu, ein tatkräftiger junger Herr, der scheinbar als einziger feste Pflichten innerhalb der Gemeinschaft zu erfüllen hat. Im Gegenzug nimmt sie den Respekt wahr, welchen die anderen ihm dafür zollen. Automatisch fragt sie sich, warum sie hier sind. Bei Quinn und Aaina ist es ihrer Meinung nach offensichtlich, doch bei Jesko beispielsweise hat sie keine Ahnung. Sie verdrängt den Gedanken. Auf diese Weise ihre neuen Mitbewohner kennenzulernen lässt sich kaum als konstruktiv bezeichnen.

Bald schlendert sie in einem frischen Unterhemd und Shorts neben Aaina über die bunte Wiese auf der Gebäuderückseite. Für Gartenarbeit hat sich offenbar noch niemand gefunden, das Gras steht hoch wie die Ähren auf einem Kornfeld und ist unregelmäßig durchsetzt von Ackerwinde, Krokussen und Disteln. Über der wirklich sagenhaften Quelle steht eine überdimensionale Trauerweide, deren Blätter glatt herunterhängen, teilweise auf dem steinigen Boden aufliegen. Dahinter beginnt ein dichter Dschungel aus ineinander verwachsenden, nur dürftig belaubten Sträuchern und einzelnen Bäumen, die mit ihren schlanken, eiförmigen Kronen das Meer aus verholzten Zweigen und Trieben überragen.

„Ich gebe zu, das sieht hier alles ein wenig langweilig aus, ich komme ja eigentlich auch aus der Stadt. Uns geht es gut, es ist fast wie ein Neuanfang.“, erzählt ihre Begleiterin. Sie haben sich nun wieder dem Haus zugewandt und sie stellt fest, dass ebenfalls auf dieser Seite zwei Fenster mit Blumenkästen geschmückt sind, Nelken vor dem linken und vor dem rechten weiße Zantedeschien, wenn sie sich nicht irrt.

„Dein Zimmer ist das mit den Gerbera.“, sagt Aaina und sie will gerade protestieren, weil vor keinem Fenster Gerbera sind, da entdeckt sie die stolzen gelb-roten Blüten vor dem mittleren der fünf verglasten Quadrate. Wie konnte sie die auffälligen Pflanzen bloß übersehen haben?!

Aaina setzt erneut an: „Was ich sagen wollte: Dieses Leben ist im wahrsten Sinne des Wortes lang-weilig. Verstehst du? Diese Zeit ist ein Geschenk und wir dürfen nicht so anspruchsvoll sein.“

„Worauf willst du hinaus?“

„Jetzt, wo die Gruppe immer größer wird, spüre ich, dass das etwas verändert. Wir verändern uns. Ich bin zuversichtlich und vertraue darauf, dass der Friede unangetastet bleibt. Doch du solltest dich nicht wundern, wenn der ein oder andere etwas komisches sagt. Es war die richtige Entscheidung, als du hergekommen bist.“

Als Quinn sie zum Abendessen abholt, hat sie bereits das Gefühl, in der neuen Umgebung vollends angekommen zu sein. Zugleich hält sie der bescheidene Luxus wie die Sorgenfreiheit, der Überfluss an Lebensmitteln und stressfreier Zeit sowie die teure, passgenaue Einrichtung, welche scheinbar zu keiner Gegenleistung ihrerseits verpflichtet, auf misstrauische Distanz. Auf den blanken Marmorstufen, die den ersten Stock mit dem am geräumigen Wohnzimmer angrenzenden Flur verbinden, kleben ihre Augen geradezu an ihrem schattigen Spiegelbild zwischen ihren Füßen, welches ihr Gesicht als ein dunkles, von dünnem, grauem, ungekämmtem Haar umkränzten Oval abbildet.

Zu essen gibt es eine Vielzahl gegrillter Gemüsesorten, Süßkartoffeln, wenig Fleischbeilage. Die anderen schenken dem Essen wenig Beachtung, Gesprächsthema bleibt die Suche nach einem sinnvollen, nicht zu anstrengenden Zeitvertreib. Es ist wie im Paradies, denkt sie, wo das fliegende Brathähnchen längst eine hingenommene Annehmlichkeit und kein Wunder mehr ist. Allein Naci macht einen weniger unbeschwerten Eindruck. Sie kennen sich noch nicht lange, doch als sich ihre Blicke für eine Sekunde treffen, nickt sie ihm aufmunternd zu. Voller Verständnis. Er lächelt, räuspert sich: „Wenn die Damen und Herren damit einverstanden sind, ihr Brainstorming zu vertagen, würde ich gern etwas sagen.“

„Aber klar doch, mein Lieber.“, unterstützt ihn Quinn prompt.

„Ich sehe, wie ihr zufrieden seid, aber wenn ich ehrlich bin – ich bin unzufrieden. Habt ihr euch noch nicht gefragt, was das für ein Ort ist, an dem Leben keinen Wert mehr hat, weil es eine Selbstverständlich ist? Die große Marmortreppe zeigt es mir jeden Tag: Wir wollten alle etwas erreichen, Freiheit, Schmerzlosigkeit, Furchtlosigkeit. Und jetzt sind wir in einem rosaroten Traum gefangen, in dem uns unaufhörlich vorgespielt wird, wir hätten dies erreicht. Dabei ist doch die Wahrheit, dass wir nicht den Schneid und Mut hatten, den ganzen Schritt zu gehen. Zu unserem wirklichen Ziel.“

„Das ist nicht wahr!“, braust umgehend Jesko auf. „Ich weiß nicht, was in dich gefahren ist, aber ich kann euch zu Genüge davon erzählen, wie endgültig dieser Schritt ist, auf den du anspielst. Und ich habe niemanden getroffen, dem damit tatsächlich geholfen gewesen wäre. Hast du ein erfülltes Leben hinter dir, mag das anders aussehen, doch aus dem Schmerz heraus mag der Tod zwar eine Erlösung sein, die Lösung ist er dagegen nie.“

„Jesko hat Recht.“, meldet sich Aaina zu Wort. „Es mangelte uns nicht an Mut, sondern an Fantasielosigkeit. Also ist es ein gutes Zeichen, dass wir einen alternativen Weg gefunden haben.“

„Fantasie?“, fragt Quinn. „Natürlich bin ich gern hier, doch ich denke nicht, dass Nacis Zweifel so einfach von der Hand zu weisen sind. Es wäre zu simpel, könnten wir einen auf unbeschwert machen und das perfekte Leben hier führen, welches wir nie hatten.“

Wieder protestiert Jesko und eine Weile geht es in dem Stil hin und her, bis ihr plötzlich ein Gedanke kommt, den die anderen bisher außer Acht gelassen haben. Schüchtern hebt sie die Hand, um zu signalisieren, dass sie ebenfalls etwas beizutragen hat, doch niemand bemerkt sie.

„Die Blumen!“, platzt es schließlich aus ihr heraus. Die anderen halten erstaunt inne. Nun sind vier kluge, interessierte Augenpaare auf sie gerichtet. So viel Aufmerksamkeit wurde ihr das letzte Mal bei der Beerdigung ihrer Tochter zuteil.

„Die Blumen“, setzt sie neu an, „haben alle eine Bedeutung: Veilchen für Bescheidenheit, Callas für Schönheit, Vergissmeinnicht für Erinnerung, Nelken für Freiheit und Treue. Niemand von euch hat die Blumen vor die Fensterscheiben eigenhändig gepflanzt, richtig? Das kann kein Zufall sein. Ich fürchte und hoffe zugleich, dass wir uns noch immer auf einem Weg befinden. Unser Ziel werden wir erst erreichen, wenn wir uns über die Richtung einig werden, in welche wir gemeinsam gehen möchten. Bis dahin bleibt jeder von uns ein Gefangener. Eine Geisel unseres Herzens.“



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