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Hinter dem Horizont


Text/Abbildungen:
Jonathan Püttmann
Geschrieben: Oktober 2019
Hochgeladen: 05.02.2020
Länge: 13294 Wörter
Genre: Märchen

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Seite 8
A101

Wir, hinter dem Horizont


Eine Sommer-Hoffnung

Die erste Regenwoche im Herbst ist psychisch die schwerste. Während der Sommermonate war das Leben einfach. Tagsüber Flaschen sammeln und am Hauptbahnhof die Anzugträger mit einem zauberhaften Lächeln zum Schmelzen bringen. Nachts frei unter den Sternen schlafen, in gemütlichen Runden über Neuigkeiten austauschen, Fundsachen eintauschen. Mit dem ersten Regentag schlägt die Stimmung um. Die Menschen sind gereizt, es wird hart um die wenigen trockenen Hauseingänge gekämpft, aus denen man nicht vertrieben wird, die einzige Rückversicherung für den kommenden Winter. Sie ist intelligent, kennt sich in ihrer Stadt aus, verbraucht vergleichsweise wenig Tabak und Alkohol. Sie könnte schlechter dran sein. Spätestens mit dem zweiten Regentag hat sie ihr Hab und Gut eingesammelt und in Tüten und Plastikplanen gewickelt verstaut. Sie ignoriert das Müffeln ihrer Kleidung, hebt sich das Wärmste für die noch kommende Kälte auf. Hungern muss sie nicht. Der Regen schmeckt nach Popcorn. Und die Straße ist eine riesige Kinoleinwand, auf der Tag für Tag ihr Lieblingsfilm gespielt wird. Die Klangqualität ist ausgezeichnet, bloß nachts sehnt sie sich manchmal nach einer Fernbedienung, mit der sie den Film auf stumm schalten kann.

Am dritten Tag geht sie in die Einkaufsstraße, nachschauen, was es Neues gibt. Dort ist ihr altes Leben zum Greifen nah. Gefüllte Tüten voller Modeartikel, Dekor, die nach drei Monaten in den Müll wandert. Einmal hatte sie in den Horden von Konsumenten in erster Reihe mitgemischt. Geschenke für Weihnachten gekauft, wohl wissend, dass zu Hause alles doppelt und dreifach vorhanden war. Zuhause – ein wundervolles Wort. Mehr als ein trockenes Loch mit angenehmen Temperaturen. Am vierten Tag setzt die Verzweiflung ein. Sie kann nichts gegen ihre Erinnerungen tun, nicht vergessen, wie sie ihre erste Nacht auf der Straße verbracht hat, die Angst. Seitdem tritt sie auf der Stelle, hofft auf das große Wunder. Manchmal stellt sie sich vor, mit einem der Männer mitzugehen, die sie so freundlich anlächeln. Eine Nacht in einem Hotel, vielleicht mehr.

Der Himmel ist verschlossen. Kein Blinzeln der Sonne, kein Ende des Regens. Das Wasser kommt nun nicht mehr bloß von außen, sondern auch von innen. Die Atmosphäre ist von Feuchtigkeit gesättigt, in den Plastiktüten verschimmeln ihre Lebensmittel. Sie zwingt sich, täglich etwas Kleingeld zurückzulegen. Nicht so viel, dass es sich lohnte sie auszurauben, aber genug, dass sie sich notfalls jederzeit in eines der billigen Hostels im Bahnhofsviertel flüchten kann. Wenn sie der Frost wieder einmal unvorbereitet trifft.

Heute denkt sie daran, dass sie nicht ewig mit dem bisschen Stoff, der ihr zur Verfügung steht, gegen die Witterung kämpfen will. Sie kennt einige, die sich dem Frost hingaben. Ihre Leichen sahen friedlich aus, ihre Gesichter schmerzfrei. Über Gerechtigkeit zerbricht sie sich längst nicht mehr den Kopf. Eher lockt sie die Perspektive, ihren Körper wie ein Stück Fleisch in den Schaufenstern ganz besonderer Geschäfte anzupreisen. Tag für Tag wird ihre Würde von der Gesellschaft tiefer in die Gosse getreten, warum soll sie dabei nicht wenigstens Geld verdienen? Diese Frage führt sie auf das eigentliche Problem zurück, dass das nicht ihr Leben ist. Eine schwere Kette ums Fußgelenk, gesperrt in ein dunkles, feuchtes Verlies, verlangt sie nach Erlösung. Eventuell ist der Zeitpunkt gekommen, da sie aktiv werden muss. Ihre feige, lebenserhaltende Passivität aufgeben. Ein schneller Schritt auf die Straße und schon würden die Karten neu gemischt. Sie zieht den Reißverschluss ihrer Jacke so hoch es bei der ausgefransten Secondhandware eben möglich ist und schaut ihrem Lieblingsfilm auf der Leinwand zu. Das Popcorn heute schmeckt nach Karamell, Benzin und schalem Rauch. Sie konzentriert sich auf die Bässe vorbeidonnernder Lastwagen, in denen sie eine verführerisch flüsternde Stimme erkennt: „Eins, zwei, drei, drei Zimmer sind noch frei. Vier, fünf, sechs, die Angst ist ein Reflex. Sieben, acht, neun, du darfst den Sprung nicht scheu’n. Wirst du jetzt nicht ehrlich sein, um deinem Schicksal zu verzeih’n, wirst du es lebenslang bereu’n.“

Ihre Füße übertreten bereits die weiße Fahrbahnmarkierung, da blitzt zwischen Graben und Krötentunnel ein alternativer Weg auf. Dann steht sie einfach nur da, mitten auf der Hauptstraße. In ihrem Film gibt es keine Rettung in letzter Sekunde. Was hat sie für einen Grund, diesem Angebot zu vertrauen? Macht sie es kurz und schmerzlos, weiß sie wenigstens, was sie erwartet. Hinter dem Horizont begänne die Grübelei lediglich wieder von vorn.

In diesem Moment erscheint der Radfahrer. Sie sieht noch den gelben Helm auf sich zu rasen, dann schwebt sie für einen Augenblick in der Luft. Die Straße wäre die sicherere Wahl gewesen und nun fällt sie geradewegs in den glitzernden Eingang einer ungewissen Zukunft. Fast ist es ihr egal. Sie sieht vor ihrem geistigen Auge den Abspann des Films vor schwarzem Hintergrund. Jetzt ein paar Stunden schlafen, denkt sie. Da gehen die Lichter um sie herum wieder an.

Ein Haus, zu dem keine Straße führt, denkt sie. Da muss man sich nicht wundern, wenn niemand zu Besuch kommt. Ihr kommt das nicht ungelegen. Und der Regen hat aufgehört. Die Fensterläden im ersten Stock sind fast alle zurückgeschlagen, dass die Sonne die Zimmer des Hauses mit ihrer Wärme erfüllt. Oben auf dem Dach ist eine Leine gespannt, mit Wäscheklammern alles vom BH bis zum Gummistiefel daran befestigt.

Ein junger Mann kommt aus der Haustür und winkt sie zu sich heran. Ehrfürchtig tritt sie in den Schatten des zweistöckigen Gebäudes und schüttelt dem Mann, Naci, die Hand.

„Ich bin Natsuki.“, sagt sie und lässt sich von ihm ins Wohnzimmer ziehen, wo die übrigen Bewohner gerade eine Versammlung abhalten. Sofort springt ein älterer Herr auf und hilft ihr aus der verschlissenen Winterjacke, ein anderer, der sich ihr als Jesko vorstellt, holt ein Glas Saft und eine Portion lauwarmes Rührei.

„Wir haben eben noch gefrühstückt.“, erklärt er. Währenddessen macht Naci sie mit Aaina, Clio, Andre und Lejhana bekannt. Jeder einzelne begrüßt sie herzlich und heißt sie in der Gemeinschaft willkommen, was umso verwirrender ist, da sie unzweifelhaft eine gewisse Spannung im Raum spürt und sich fragt, ob das an ihrer Person oder der übel riechenden Kleidung liegt, die sie trägt. Letztendlich ringt sie sich dazu durch, sich in respektvollem Abstand dazuzusetzen und ihr Rührei zu essen, während sie schweigend der Unterhaltung lauscht.

Jesko: „Ich weiß wirklich nicht, worüber ihr euch beschweren könnt. Was für ein Unglück – wir sitzen in einem 4-Sterne-Hotel fest!“

Clio: „Manchen von uns geht es eben um mehr als ums reine Überleben. An einem sorgenfreien Leben ist wenig auszusetzen, mit einer Ausnahme: dass man umkommt vor Langeweile.“

Andre: „Zur Zeit kann ich noch genießen, dass es weit und breit keine Action gibt. Aber was ist in einem Monat, in einem Jahr? Immer Frühling, immer Sonne, immer Frieden kann nicht funktionieren. Meine Meinung.“ Jesko schnaubt.

Lejhana: „Worüber ihr klagt, ist des Künstlers höchstes Gut. Langeweile bezeichnet in unserer Sprache das unterbewusste Sammeln und Bündeln von Kreativität. Ihr habt keine Aufgabe? Dann gebt euch eine! Meckert nur weiter, soviel ihr wollt, denn damit bestätigt ihr nur, dass ihr mit eurer Lage zufriedener seid, als ihr euch eingestehen wollt.“

Quinn: „Außerdem ist auch diese Welt einem Wandel unterworfen. Wir verändern uns, reagieren empfindlicher auf die Umwelt. Den Schmerz einer Fleischwunde wird uns das Schneiden mit einem Schälmesser bereiten, ein schlecht gelaunter Freund das Kopfzerbrechen eines Liebeskummers.“

Aaina: „Abseits dieser Diskussion möchte ich anmerken, wie froh ich bin, diesen Ort und euch alle kennengelernt zu haben. Sagt man nicht, das wichtigste im Leben seien zwischenmenschliche Beziehungen? Wenn das wahr ist, verstehe ich nicht, worüber ihr euch Sorgen macht.“

Naci: „Erinnert euch bitte daran, wie ihr euch gefühlt habt, bevor ihr den Weg hierher entdeckt habt. Nun haben wir alles, was wir uns je erträumten. Die Frage, was ihr mit dieser ungewohnten Freiheit anfangen sollt, ist die simple Frage nach dem Sinn des Lebens. Die Beantwortung liegt in unserer eigenen Verantwortung, aber wer damit überfordert ist, braucht keineswegs zu befürchten, dass sein Leben sinnlos ist. Der Luxus, den wir hier geboten kriegen, sollte uns Demut lehren. Und wenn die Zeit reif ist, werden wir erkennen. Andre, würdest du jetzt bitte Natsuki ihr Zimmer zeigen?“

Man hat hier sein eigenes Zimmer?! Es ist Monate her, dass sie überhaupt in einem geschlossenen Raum übernachtet hat. Aufgeregt läuft sie neben Andre die breite Marmortreppe hoch und betritt auf der linken Seite fast am Ende des Flurs ihr neues Zimmer. Das Bett ist bereits frisch gemacht, vor dem Fenster blühen mehrere Reihen Kamillen. Ungläubig inhaliert sie den angenehmen Duft der hölzernen Möbel und des endlos hohen Kleiderstapels, welcher nun scheinbar ihr gehört. Ohne nachzudenken reißt sie sich ihre alte, feuchte, stinkende Kleidung vom Leib und schlüpft in die neue, wonach sie sich unfassbar zufrieden fühlt.

„Willst du mir vielleicht helfen, die Wäsche vom Dach hereinzuholen?“, fragt Andre, der in der offenen Tür gewartet und zwischenzeitlich den Kopf höflich zur Seite gedreht hat. Im Moment würde sie zu allem Ja sagen, was ihr den neuen Reichtum nicht wieder streitig macht und so stehen sie beide wenig später hintereinander auf dem schmalen Dachfirst und zupfen die Hemden, Socken und Unterhosen von der Leine. Dabei bewegt sich Andre ohne jede Unsicherheit bis an die andere Seite des Hauses, während sie selbst alle paar Sekunden zur Justierung ihrer Balance nach der Wäscheleine greifen muss.

„Du scheinst ja nicht gerade Höhenangst zu haben!“, ruft sie ihm lachend zu, während sie damit kämpft, ihr eigenes Gleichgewicht zu halten. Er lacht ebenfalls. Die Sonne scheint warm auf ihre Schultern, aber nicht zu heiß. Eine laue Brise weht ihr ab und an eine Haarsträhne ins Gesicht, was sie daran erinnert, dass ihr Körper mehr Pflege braucht als bloß neue Klamotten. Spätestens vor dem Abendessen ist Waschen an der Quelle angesagt. Nach getaner Arbeit setzen sie sich noch eine Weile neben den Schornstein aufs Dach und schauen in den Himmel.

„Ich glaube,“, murmelt sie in sich hinein, so leise, dass ihre Stimme beinahe im Wind untergeht, „dass der Sinn des Lebens bereits als Frage definiert ist. Und da es keine Frage mit einer Frage als Antwort gibt, glaube ich, dass die Sinnfrage überflüssig ist. Denn wir stellen sie gewöhnlich erst dann, wenn wir bereits alles andere geschafft oder wenigstens versucht haben, was in unserer Macht steht.“ Sie ist sich nicht sicher, ob Andre ihr zugehört hat, auf alle Fälle folgt auf ihre Aussprache ein beharrliches Schweigen. Und sie denkt darüber nach, dass sie eigentlich nicht hier sein sollte. Schnell und einfach wollte sie einen Schlussstrich ziehen. Selbstverständlich ist sie überwältigt von der Heimlichkeit und Herzlichkeit dieses Ortes, auf der anderen Seite fühlt sich diese unfreiwillige Fortsetzung ihrer Existenz seltsam unbefriedigend an. Sie denkt: „Auch hier könnte ich es jederzeit beenden. Kopfüber vom Dach auf eine stabile Steinplatte. Es müsste funktionieren. Eins, zwei, drei, ein Zimmer wird jetzt frei…“

„Hey, das gibt’s nicht! Schau, Natsuki!“, wird sie plötzlich von Andre unterbrochen, der sie ungewollt grob am Arm gepackt hat und wild fuchtelnd auf den Rasen vor dem Haus deutet. Knapp 20 Meter von der Stelle, wo sie alle hier angekommen waren, ist mitten auf dem Gras ein hoher, glitzernder Torbogen aufgetaucht. Die Nachricht ist eindeutig. Ihre Reise ist hier wohl nicht zu Ende. Der Weg führt weiter. Andre sackt in sich zusammen.

„Weißt du was?“, ergreift er als erster das Wort. „Solange wir noch gefangen waren, dachte ich, etwas gegen unsere Lage unternehmen zu müssen. Ein winziges Detail hat sich verändert und jetzt verstehe ich den Sinn dieses Ortes. Deshalb würde ich dich gerne fragen, ob du, unabhängig davon, was die anderen machen werden, mit mir hier in der Blockhütte wohnen bleiben möchtest, solange wir glücklich damit sind.“

Schockiert im ersten Moment, wird ihre Brust sofort darauf von einer sommerlichen Wärme erfüllt, gegen die kein Frost und kein Regen etwas anhaben kann. Und ohne weiter groß zu überlegen sagt sie: „Ja, möchte ich.“



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