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Über die Alpen


Autor: Jonathan Püttmann
Bilder: Niklas Spiller
Hochgeladen: 19.12.2020
Textart: Bericht
Kategorie: Reisen
Länge: 17314 Wörter

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Alpenüberquerung 2016


Hallerangerhaus
Hallerangerhaus - Innsbruck

Strecke: 16km; Höhenmeter: 750hm hoch, 1350hm runter

Wir waren alle schlagartig hellwach, als Josuas Wecker uns um 7:30 Uhr aus dem Schlaf riss. Sofort nach dem Aufstehen ging es los. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, aber der wolkenlose Himmel strahlte schon in hellem, klarem Blau. Wir hatten nur ein tägliches Budget von 7€ für Essen, daher durften wir nicht auf der Hütte frühstücken und mussten gleich loswandern. Circa nach einer halben Stunde hielten wir dann aber an und aßen unser Standartfrühstück. Heute würden wir gleich zwei Bergkämme überqueren, danach ins Tal hinab nach Innsbruck wandern, mit dem Bus auf die andere Seite der Stadt fahren und dann zu einem Zeltplatz am Berghang laufen. Die Strecke betrug „nur“ 15km, dafür gab es satte 1400 Höhenmeter ab- und nochmal 800 Höhenmeter aufwärts. Gleich nach dem Frühstück tauchte ein weiteres Problem auf: die Sonne. Seit dem Augenblick, in dem sie hinter ihrem Berggipfel hervor guckte, brannte sich das Sonnenlicht bei uns tief in die Haut. Schon ab 11 Uhr war es unerträglich. Und als einer der wenigen trug ich eine lange Hose, dazu noch eine Jeans. Im Nachhinein hätte ich mich spätestens bei der ersten Rast nach dem Frühstück umziehen sollen. Aber ich war dickköpfig und quälte mich den ganzen restlichen Tag in meiner Jeans, die ich ab dem nächsten Tag kein einziges Mal mehr anziehen sollte.

Die Route führte uns von der Hütte, in der wir übernachtet hatten, weiter den Berg hinauf, über eine Scharte und auf der anderen Seite einen schmalen Pfad parallel zum Hang wieder runter. Dabei passierten wir ein kleines Waldstück, in dem wir falsch abbogen und für fast 20 Minuten in die falsche Richtung liefen. Dabei war der Weg äußerst steil und wegen gestern noch ziemlich schlammig, weshalb erst Felix und dann noch ein paar andere ausrutschten und gut zwei Meter den Hang hinab in Rückenlage hinter sich brachten. Trotzdem blieb die Stimmung einigermaßen gut und nach einer ausgiebigen Gummibärchen-Pause ging es dann auch weiter über ein Geröllfeld, nun in die richtige Richtung. Nach etwa einer Stunde gab es dann Mittagessen auf einem wirklich schönen Aussichtspunkt, von dem man über das ganze Tal und die Stadt schauen konnte, die wir später durchqueren würden.

Ein Blick zurück Es gab zwei Wege zur Auswahl: zum einen den direkten Abstieg ins Tal und zum anderen einen Weg nach oben über den Berg. Natürlich nahmen wir den nach oben, laut Réka sei es doch viel zu langweilig, die ganze Zeit durchs Tal zu laufen. Zu solchen Anlässen mussten wir uns dann auch nicht nur einmal den Satz anhören, wir hätten schließlich die Alpenüberquerung für Fortgeschrittene gebucht und sollten uns daher nicht beschweren.

Ganz oben angekommen und völlig ausgelaugt ging es dann bergab, 800 Höhenmeter durchgehend nach unten. Jetzt ist der ein oder andere vielleicht der Meinung, bergab sei viel leichter als bergauf. Demjenigen kann ich nur sagen, dass wir „natürlich“ nicht genauso schnell bergab gelaufen sind wie zuvor bergauf, nein, auf gerader Strecke hätten wir jeden Jogger mühelos abgehängt, so schnell rannten wir jetzt. Und das ging auf die Knie. Wieder wurde die Gruppe auseinander gezogen, nur dieses Mal war ich einer der Letzten. Bei jedem Schritt spürte ich, wie das Gewicht aus dem Rucksack in meine Beine und von dort in meine Knie und Knöchel sackte. Es stellte sich heraus, dass Felix keinerlei Probleme beim Laufen bergab hatte und dies auch demonstrierte, indem er vor allen hinweg durch die Serpentine Slalom lief.

Die Sonne stand schon tief, als wir endlich das Tal erreichten und auf eine Bushaltestelle zusteuerten. Wir mussten einen ziemlich jämmerlichen Eindruck machen, wie wir da voll bepackt bis zum Nacken von einem Schatten zum nächsten krochen. An der Haltestelle angekommen warfen wir unsere Rucksäcke ab und legten uns darauf, mitten auf dem Bürgersteig. Im Moment war uns alles egal. Es gingen Tüten mit Weingummi, Schokolade und Knabberzeug um, aber selbst zum Essen war ich zu müde. Da kam aber auch schon der Bus und natürlich bekam ich keinen Sitzplatz.

Ich muss sagen: So eine rasante Busfahrt habe ich noch nie in meinem Leben erlebt. Alle hundert Meter kam eine Kurve, alle 200 eine Kreuzung, alle 500 eine Haltestelle. Dabei gab es für den Busfahrer nur zwei Alternativen: Vollbremsung oder volle Beschleunigung. Keine einzige Sekunde lang wurde ein Tempo gehalten, immer wurde man entweder nach hinten oder nach vorne geschleudert und in den Kurven wurde auch eher beschleunigt als abgebremst. Der Busfahrer hätte Rennen fahren können, so professionell nahm er den maximalen Speed aus jeder Kurve heraus. Während der 30-minütigen Fahrt musste ich die ganze Zeit stehen, den Rucksack auf den Füßen abgestellt, zwischen den anderen eingeklemmt unfähig zu jeglicher Bewegung.

Am Bahnhof stiegen wir schließlich aus – endlich – und gingen einkaufen. Vor uns lagen 5 Tage ohne Zugang zu jeglicher Zivilisation, also mussten wir einiges noch besorgen. Wir legten die Rucksäcke vor dem Supermarkt im Bahnhofsgebäude in einen Kreis und bestimmten zwei Leute, die aufpassen sollten. Alle anderen strömten gierig in den Laden und genossen die klimatisierte Luft sowie das Laufen ohne 15 kg Last. Zum Schluss hatten wir 4 Einkaufswägen allein für die allgemeinen Sachen, so ziemlich jeder kaufte sich noch von seinem eigenen Geld etwas.

Jetzt bestand die Aufgabe darin, das alles in die schon vollen Rucksäcke zu kriegen. Das Ergebnis war, dass jeder von uns statt den üblichen 14-16kg nun 18-20kg auf dem Rücken trug und zusätzlich noch etwas in der Hand halten musste. Und so ging es wieder zur Bushaltestelle. Während wir dort warteten, erzählte mir Christian von seinen Wanderungen in Quito, der höchsten Hauptstadt der Welt. Hier war er bereits über 8000m hoch gewesen, war aber, so wie ich, nicht soviel Gepäck gewöhnt, weshalb seine Knie nun ebenfalls schmerzten. Josua machte mir aus der Ferne irgendwelche lustigen Handzeichen und ich nickte, lachte und streckte den Daumen nach oben, was bedeutete, so wie ich erst später erfuhr, dass ich mich gerade freiwillig für den Zeltaufbau am Abend bereit erklärt hatte.

Und es ging weiter im Bus, dieses Mal ergatterte ich mir aber einen Doppelsitzplatz, für mich und meinen Rucksack. Trotz der Müdigkeit war auch jetzt die Stimmung fröhlich und ausgelassen. Erst bei der letzten Station stiegen wir aus und mussten noch ein paar hundert Meter bergauf laufen, bis wir schließlich den Zeltplatz erreichten. Hier waren noch mehrere andere Jugendgruppen, alles Pfadfinder und es sah auch genauso aus, wie man sich so einen Pfadfinder-Zeltplatz vorstellt. Wir bekamen einen Platz etwas abseits der anderen Gruppen zugewiesen, was uns nur recht war. Die meisten ließen sich sofort ins Gras fallen und blieben für fast eine Stunde liegen. Wir waren ziemlich genau 12 Stunden unterwegs gewesen und laut Josua sollte es übermorgen noch anstrengender werden. Im Rückblick kann ich aber beruhigen, dies sollte der anstrengendste und auch heißeste Tag unserer Reise werden, auch wenn sowohl Strecke als auch Höhenmeter noch übertroffen werden sollten.

Wir bekamen eine Feuerschale und genügend Brennholz für die ganze Nacht, sowie einen Rost zum Grillen vom Zeltplatz, Fleisch und Würstchen hatten wir zuvor schon eingekauft. Niklas als Feuerwehrmann bekam die Aufgabe, das Feuer zu machen, während die anderen alles für die Nacht im Freien vorbereiteten. Ich lernte, wie so ein riesiges Zelt aufzubauen ist und bekam währenddessen mit, dass Niklas aus Liebe zum Feuer zur Feuerwehr gegangen ist und viel lieber Brände legte und darauf grillte als sie löschte. Um genügend Luft in die Glut zu befördern, nutzte er eine großes Blech, das er wie einen Fächer auf und ab schwang. Wir wechselten uns ab und jeder versuchte, die höchste Schlagfrequenz zu erzielen. Natürlich gewann Niklas den kleinen Wettkampf und so wurde er nicht nur zu unserem Grillmeister, sondern ebenfalls zum Profi-Wedler erklärt.

Blick ins Inntal - Tag 3 Es war schnell dunkel geworden und wir setzten uns um das Lagerfeuer, grillten, unterhielten uns, da kam ein Schatten aus der Dunkelheit und rief uns irgendwas auf Österreichisch zu. Der Mann war ziemlich aufgebracht und unterhielt sich mehrere Minuten lauthals mit Josua, der schlichtend auf ihn einredete. Wir anderen hörten zu und weil die Unterhaltung so verrückt klang, konnten wir uns ein Grinsen einfach nicht verkneifen. Als der Fremde uns schließlich wieder den Rücken zuwendete, schaute uns Josua ganz ernst an und fragte: „Habt ihr irgendwas verstanden?“ Das Gelächter daraufhin muss so laut gewesen sein, dass es auf dem ganzen Gelände zu hören war.

Soviel konnten wir aus dem Gespräch rekonstruieren: Réka hatte bei der Einweisung nicht genau verstanden, welcher Toilettenraum jetzt uns gehörte, hatte aber, so wie sie ist, einfach freundlich genickt. Der Mann war vermutlich ein Leiter einer der anderen Jugendgruppen und beschuldigte uns jetzt, ihre Toilette benutzt zu haben. Er wollte, dass wir allein morgen den ganzen Raum für sie sauber machten und drohte damit, sich bei der Platzverwaltung zu beschweren. Letztendlich haben wir aber weder deren, noch unsere eigentliche Toilette sauber gemacht. Die Unterhaltung mit dem Österreicher wurde zum Witz der ganzen Reise.

Eine andere Sache war, dass wir viel zu viel Fleisch da hatten, weil sich fast jeder eigenes gekauft hatte und Josua noch mehrere Packungen für alle zusammen. Mit der Zeit gingen immer mehr schlafen, nur Niklas, Rebecca, ich und 1-2 andere saßen noch am Feuer. Josua räumte in der Zeit gerade ein wenig auf und kam alle 5 Minuten an uns vorbei, weshalb Niklas irgendwann sagte, für jedes Mal an uns Vorbeilaufen müsste er ein Nürnberger Würstchen essen. Das tat Josua dann auch, bis die restlichen 15 Nürnberger alle weg waren. Danach machten wir noch aus Stockbrotteig Fladenbrot, auch wenn keiner noch Hunger hatte. Gegen 23:30 Uhr gingen wir dann auch schlafen, was wirklich spät war, wenn man bedenkt, dass wir ab 21 Uhr allein auf unsere Kopf- und Taschenlampen angewiesen waren.

Diese Nacht war deutlich milder als die vorherigen, weshalb ich den Schlafsack gar nicht zumachen musste und den Biwaksack ganz weggelassen habe. Der Tag war so anstrengend gewesen, dass mir die Vorstellung zu schlafen schon Schmerzen bereitete. Es verlief dann aber doch einfacher als gedacht und ich schlief glücklich und zufrieden ein.



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