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Über die Alpen


Autor: Jonathan Püttmann
Bilder: Niklas Spiller
Hochgeladen: 19.12.2020
Textart: Bericht
Kategorie: Reisen
Länge: 17314 Wörter

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Alpenüberquerung 2016


Noch ist die Sonne schüchtern
Glungezer Hütte - Lizumer Hütte

Strecke: 19km; Höhenmeter: 750hm hoch, 1250hm runter

Tatsächlich bereitete mir das Aufstehen an diesem Morgen weniger Probleme als befürchtet. Schweigend schlurften wir als die mit Abstand ersten Gäste in den leeren Gastraum, wo das beste Frühstück unserer ganzen Reise auf uns wartete. Pro Person gab es ein Ei, ein Glas Saft, ein weißes Hefebrötchen, ein Vollkornbrötchen und frischen Aufschnitt. Danach konnten wir all unsere Wasserflaschen an einem großen Spender auffüllen. Zügig und diszipliniert machten wir uns fertig, nur Felix brauchte etwas länger, sodass wir anderen noch die Aussicht genießen konnten. Die Sonne war während unseres Frühstücks aufgegangen und beschien nun die tief im Tal festhängenden Wolkenschwaden.

Endlich vollzählig ging es zunächst denselben Weg zurück, den wir gekommen waren und das hieß: 200 Höhenmeter Abstieg. Als wir schließlich auf unserer vorläufigen Wander­höhe ankamen, erzählte Josua, dass wir einen kleinen Umweg dieses Jahr nahmen, da im vergangenen Jahr bei gleichen Wetterverhältnissen drei Leute die kürzere Gipfeltour mit Verletzungen bezahlt hatten. Und auch so war der Weg gefährlich genug. Wir liefen parallel zu den sechs Gipfeln am Hang entlang, wo der Weg zwar eben, jedoch schmal, nass und tief in die weiche Erde eingetreten war. Der Pfad bot in der Breite gerade Platz genug für einen meiner Wanderschuhe, links und rechts versprachen nasse Grasbüschel, beim ersten Schritt abzurutschen und zu stürzen. Mehrmals überquerten wir Flächen von nacktem Fels, wo man sich zwar an Drahtseilen teilweise festhalten konnte, die Füße jedoch kaum sicheren Halt fanden. Es war mit Sicherheit die riskanteste Tour der Alpenüberquerung, durch die gute Vorarbeit blieb jedoch die Tour nach Innsbruck anstrengender.

Gefährlich schmaler Weg am Hang Langsam ging es bergab über grünes Grasland, aus dem überall kleine Felsbrocken ragten. Nach links ging es hinunter in einen Ausläufer des Inntals, nach rechts zu den schroffen Berggipfeln, die wir zum Glück nicht überwinden mussten. Unterhalb eines hübschen Wasserfalls machten wir unsere Mittagspause, verzehrten die üblichen Leckereien und erkundeten zaghaft die Umgebung. Niklas und Christian mussten natürlich sofort und gegen Josuas Anweisung zum Wasserfall hochklettern. Wir anderen begnügten uns damit, die Hände ins kalte Quellwasser zu strecken, auf den Steinen zu balancieren und die kleine Hütte zu besichtigen, die inmitten der Steinmauer stand, auf welcher wir uns niedergelassen hatten. Ich nutzte außerdem die Gelegenheit, meine Trinkflasche noch einmal aufzufüllen.

Später traf der schmale Trampelpfad auf eine breite Schotterpiste, womit der gefährlichste Teil des Weges hinter uns lag. Die ganze Zeit über begegneten wir kaum einer Menschenseele und das änderte sich auch nicht auf der Straße, die uns zu einem seltsam verlassen wirkenden Dorf führte. Zur allgemeinen Begeisterung standen in einer mit Wasser gefüllten Viehtränke drei Kisten mit gläsernen Getränkeflaschen. Daneben war ein Schild angebracht: Limo 1,50€, Radler und Bier 2€. Bezahlt wurde in eine kleine runde Kunststoffdose, die man mit der Hand öffnen und sogar Geld wieder herausnehmen konnte. Meines Wissens haben alle ihre Getränke bezahlt und ich hoffe, das Geld – es müssen über 20 Euro zusammengekommen sein – ist rechtmäßig angekommen. Als hätte Josua von diesem Rastplatz gewusst, genehmigte er uns, die Prinzenrolle anzubrechen und wir setzten uns mit Speis und Trank an einen schattigen Tisch. Diese Stärkung war auch unbedingt notwendig, denn ab jetzt ging es steil bergauf, zuerst wieder die Straße, später einen Wanderpfad in ausladenden Kurven nach oben.

Regenwolken ziehen auf Gesprächsthema Nummer eins war die Wettervorhersage auf Josuas Armbanduhr, die sich nicht recht festlegen wollte. Seit wir aus dem Dorf aufgebrochen waren, hatte es alle paar Minuten kurz geregnet und die Frage war, ob wir den Regenschutz über unsere Rucksäcke ziehen sollten. Wir machten zwei Zwischenstopps und letztendlich entschieden sich alle für den Regenschutz, denn es wurde mit jedem Höhenmeter kühler, nebliger und nasser. Für kurze Zeit befanden wir uns mitten in einer Regenwolke und die Befürchtung war groß, dass dies länger anhielt, denn wir hatten noch einen langen und schwierigen Abstieg vor uns.

Dann erreichten wir den Sattelpunkt und blickten in das neue Tal, wo überraschenderweise munter die Sonne schien. Tatsächlich standen wir genau an einer Wetterscheide. Wir sahen die dunklen, schweren Regenwolken auf uns zu­kommen, kurz bevor sie uns jedoch erreichten, wurden sie von Auf-, beziehungsweise Abwinden erfasst und davon­getragen. Umso windiger war es an diesem grandiosen Aussichtspunkt und wir machten schnell, dass wir weiterkamen.

Vor uns setzte sich das schroffe Grasland in spitzen Hügelketten bis an den Horizont fort und die Sonne schien plötzlich so stark, dass wir uns bald alle wieder von unserer Regenkleidung befreiten und die Wanderung im T-Shirt fortsetzten. Weit hinten sahen wir zum ersten Mal die von Gletschern umgebene Friesen­berg­scharte, die wir in zwei Tagen bezwingen wollten. Ein großes Warnschild machte uns darauf aufmerksam, dass wir militärisches Sperrgebiet betraten. Zitat: Berühren von Blindgängern, Munition u.ä. lebensgefährlich und verboten. Was machten Jul und Felix? Sie hoben keinen Kilometer hinter dem Warnschild auf dem Weg liegende, großkalibrige Patronenhülsen auf und nahmen sie als Andenken mit. Hätte ich doch auch eine mitgenommen! Der Weg war von da an relativ langweilig und die Knie schmerzten vom ständigen Bergablaufen. Die Stimmung war bedrückt, einzige Aufheller bildeten die verschiedenen militärischen Gebilde wie mutmaßliche Spreng- oder Panzermulden und in den blanken Feld eingelassene Bunkertüren sowie ein paar Murmeltiere, die nur wenige Meter von uns entfernt ohne Scheu über die Wiesen hoppelten. Längst war unsere Gruppe weit auseinandergezogen. Réka, die beiden Felixe, Jul und ich (ich hoffe niemanden vergessen zu haben) bildeten das Schlusslicht und unterhielten uns über Klarträume, während Josua mit den anderen bereits außer Sichtweite war. Bei der letzten Rast hatte es Weingummi und Schokolade gegeben, danach waren sie abgezogen. Die Straße war heiß, breit und staubig und ging ausschließlich bergab, was wie gesagt meine Knie gar nicht mochten. Doch auch ich kam irgendwann noch hinter Réka an der Lizumer Hütte an, nach knapp 20 Kilometern Fußmarsch, 600 Höhenmetern nach oben und 1200 nach unten mit einem seit Innsbruck kaum leichter gewordenen Rucksack.

Motiviert für die letzten Kilometer Im Tal, umgeben von militärischem Sperrgebiet, liegt eine ganze Siedlung, dieses Mal durchaus bewohnt, Ferienhäuser, Wohnhäuser etc. Als Erstes fiel mir die große Kletterwand an der Lizumer Hütte auf, als zweites die übergroße Hundehütte. Erschöpft bezogen wir unser Zimmer. Wieder hatten wir einen ganzen Schlafraum für uns allein. Ich nahm das Bett ganz hinten links, obere Etage. Dort lag ich zwischen Fenster und Rucksackablage, welche gerademal für drei unserer Rucksäcke ausreicht, und hatte so ziemlich die beste Sicht über den Raum. Neben der Eingangstür hing ein Schild mit der Aufschrift „Duschen – 3€ pro Minute“. Ich erinnere mich nicht mehr genau an den Betrag, es war aber etwa in dem Bereich.

Einige nahmen das Angebot sofort in Anspruch und es bildeten sich regelrechte Warteschlangen. Dafür, dass die Duschen mitten auf dem Gang waren, fand ich das für den Betrag wenig verlockend und ließ es bleiben. Stattdessen legte ich mich in mein Bett und ruhte mich aus, während die anderen den Spieleabend vom Vortag fortsetzten und aus Mangel an Brettspielen zu einem Gemeinschaftsspiel namens Werwolf übergingen. Mich interessierte das zunächst weniger und Christian ging es offenbar ähnlich, denn er kam wenig später zu mir ins Zimmer und wir führten eine längere Unterhaltung.

Zum Abendessen gab es Ochsenbacke und während wir aßen, bemerkten wir nacheinander den Wirt, der sich in die Mitte des Raumes gestellt und begonnen hatte zu reden, ohne dass ihm jemand zuhörte. Als alle endlich still waren, bekamen wir gerade noch die Wettervorhersage für den kommenden Tag mit, die sich als komplett falsch herausstellen sollte. Danach war der Wirt wohl schlecht gelaunt, weil seine Ansprache nicht die erhoffte Aufmerksam bekommen hatte und die Bedienungen machten allesamt den Eindruck, als fürchteten sie sich vor ihm. Später fiel ich wie ein Stein in mein Bett und achtete nicht mehr darauf, was die anderen noch redeten. Ich war durchweg erfreut über meine Leistung, den Tag und die anhaltende Gruppenharmonie und schlief glücklich und zufrieden ein.



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